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Unser Erbe

Max Jammer hat die Diskussion zwischen Bohr und Einstein mit der Korrespondenz zwischen Leibniz und Clarke verglichen: »In beiden Fällen prallten diametral entgegengesetzte philosophische Auffassungen über fundamentale Probleme der Physik aufeinander; in beiden Fällen prallten zwei der größten Geister ihrer Zeit aufeinander; und so wie die berühmte Korrespondenz zwischen Leibniz und Clarke (1715-1716) - >peut-etre le plus beau monument que nous ayons des combats litteraires< (Voltaire) - nur eine kurze Manifestation der tiefgreifenden Meinungsverschiedenheit zwischen Newton und Leibniz war, so waren auch die Diskussionen zwischen Bohr und Einstein in der Halle des Hotels Metropole in Brüssel nur der Höhepunkt einer Debatte, die sich über viele Jahre hinzog, wenn auch nicht in Gestalt eines direkten Dialogs. Sie ging sogar noch nach Einsteins Tod (18. April 1955) weiter; denn Bohr hat wiederholt bekannt, er habe sich innerlich weiter mit Einstein auseinandergesetzt, und immer, wenn ihn ein fundamentales Problem der Physik beschäftigt habe, habe er sich gefragt, wie Einstein darüber gedacht hätte. Und die letzte Zeichnung, die Bohr am Abend vor seinem Tode (18. November 1962) auf die Tafel seines Arbeitszimmers auf Schloß Carlsberg warf, war eine Skizze von Einsteins Photonenkasten, und sie hing mit einem der großen Probleme zusammen, das in seinen Diskussionen mit Einstein erörtert worden war.«26

Oft wird gefragt, welche kulturellen Einflüsse das Denken von Einstein und Bohr geprägt haben und ihre Meinung~ verschiedenheiten erklären könnten. Doch was immer sie trennte, ihre Gemeinsamkeiten sind wichtiger. Die Leidenschaft, die ihre Diskussionen beseelte, das emotionale und intellektuelle Engagement, mit dem sie der Frage nachgingen, welchen Zugang uns die Physik zur Realität eröffnet, läßt sie als wahre Erben unseres abendländischen Vermächtnisses erscheinen. Die abendländische Wissenschaft war nicht bloß ein intellektuelles Spiel oder eine Quelle nützlicher Praktiken, sondern ein leidenschaftliches Streben nach Wahrheit. Ungeachtet der erkenntnistheoretischen Vorbehalte, mit denen man einem Begriff wie der »Wahrheit« begegnet, und ungeachtet aller sonstigen Faktoren, die an der Entwicklung der Wissenschaft beteiligt waren (Streben nach Macht, nach Ansehen, nach wirtschaftlicher Stärke usw.), bleibt es doch eine historische Tatsache, daß die abendländische Wissenschaft nicht das wäre, was sie ist, wäre sie nicht von der Überzeugung getragen gewesen, daß sie einen Weg zum Verstehen der Welt eröffnet. Mochten sich Bohr und Einstein auch, was die Natur der Quantenrealität angeht, nicht einig sein, so gehörten sie doch der gleichen Kultur an. Wenn wir, wie es auch in diesem Buch geschieht, diese kulturelle Tradition akzeptieren - und mit ihr die Aufgabe, die sie der Wissenschaft aufbürdet, sowie den engen Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Philosophie -, dann heißt das nicht, daß diese Tradition anderen überlegen sei, sondern nur; daß wir in ihr den unverwechselbaren Ausdruck unserer eigenen Kultur sehen.

Was heißt es also, die Welt zu »verstehen«? Heisenberg beschreibt in seinen Erinnerungen einen Besuch auf Schloß Kronborg, bei dem Bohr die folgende Überlegung anstellt: »Ist es nicht merkwürdig, daß dieses Schloß ein anderes wird, wenn man sich vorstellt, daß Hamlet hier gelebt hat? Von unserer Wissenschaft her würde man doch glauben, das Schloß besteht aus Steinen; wir freuen uns an den Formen, in denen sie der Architekt zusammengefügt hat. Die Steine, das grüne Dach mit seiner Patina, die Holzschnitzereien in der Kirche, das ist wirklich das Schloß. An alledem ändert sich gar nichts, wenn wir erfahren, daß Hamlet hier gelebt hat, und doch ist es dann ein anderes Schloß [...] In Wirklichkeit wissen wir fast nichts über Hamlet. Nur eine kurze Notiz in einer Chronik aus dem 13. Jahrhundert soll den Namen >Hamlet< enthalten [...] Aber jeder von uns weiß, welche Fragen Shakespeare mit dieser Gestalt verbunden, in welche Abgründe er dabei hinabgeleuchtet hat, und so mußte die Gestalt auch einen Ort auf dieser Erde bekommen, und sie hat ihn hier in Kronborg gefunden. [...]«27

Bohrs Überlegungen auf Schloß Kronborg erhellen das Leitmotiv seines Lebens als Wissenschaftler: daß die Frage nach der Realität nicht von der Frage der menschlichen Existenz zu trennen sei. Was ist das Schloß Kronborg unabhängig von den Fragen, die wir ihm stellen? Dieselben Steine könnten uns etwas von den Molekülen sagen, aus denen sie zusammengesetzt sind, von den geologischen Schichten, aus denen sie stammen, von den Fossilien, die sie möglicherweise enthalten, von den kulturellen Einflüssen, denen der Architekt, der das Schloß errichtete, unterlag, oder von den Fragen, die Hamlet bis in den Tod verfolgten. Jede dieser Fragen ist berechtigt und erhellt die pluralistische Natur der Realität.

Im Dialog zwischen Einstein und dem indischen Dichter und Philosophen Tagore kommt wohl am klarsten die Auseinandersetzung zwischen den beiden Konzeptionen von Wahrheit und Objektivität zum Ausdruck, die der Diskussion zwischen Einstein und Bohr zugrunde liegen. Einstein kam in diesem Dialog zu dem Schluß, er selbst sei »religiöser« als sein Gesprächspartner. Gegenüber Tagore vertrat Einstein die Konzeption einer Realität, welche die Wissenschaft als unabhängig von der menschlichen Existenz zu beschreiben hat. Ohne dieses Ideal wäre die Wissenschaft für Einstein ohne jedes Interesse. Er gab jedoch zu, daß man niemals würde beweisen können, daß eine wissenschaftliche Wahrheit eine »übermenschliche« Objektivität besitzt. Sein Realitätsbegriff beruhte also auf einer; wenn man so will, religiösen Überzeugung, die für sein Leben als Wissenschaftler unverzichtbar war. Tagore dagegen meinte, daß die Realität, der die Wahrheitsfrage gilt - sei sie nun wissenschaftlicher; ethischer oder philosophischer Natur -, eine relative sei: »Das Papier hat eine Realität, die von der Realität der Literatur unendlich verschieden ist. Für den Geist, den die am Papier nagende Milbe besitzt, ist die Literatur absolut inexistent, doch für den Geist des Menschen hat die Literatur einen größeren Wahrheitswert als das Papier selbst. Wenn es also eine Wahrheit gibt, die keinen erkennbaren oder rationalen Bezug zum menschlichen Geist hat, so wird sie für uns so lange inexistent sein, wie wir Menschen bleiben.«28 Für Tagore war die Wahrheit also ein offener, nicht endender Dialog mit dem Ziel, nicht zu einer unabhängigen Realität vorzustoßen, sondern den »universalen menschlichen Geist« (das heißt alle Fragen, Interessen und Bedeutungen, für welche Menschen empfänglich sind oder werden können) mit dem »individuellen« Geist, der eine bestimmte Ansicht äußert, zu versöhnen.

Dem Erkenntisideal, das Einstein beschrieb, strebt die Physik seit ihren Anfängen nach. Könnten wir - das hatte schon Leibniz betont - die »volle« Ursache und die »ganze« Wirkung bestimmen, dann würde unsere Erkenntnis an die Vollkommenheit der Erkenntuis heranreichen, die Gott von der von ihm geschaffenen Welt besitzt. Rene Thom hält es auch heute für unvermeidlich, auf den Gott des Determinis- mus Bezug zu nehmen, den Gott einer Welt, »in der es für das Nichiformalisierbare keinen Raum gibt«29. Diese metaphysische Orientierung, die die Wissenschaft mit der Suche nach einer von der menschlichen Existenz unabhängigen Realität verbindet, hat sich immer wieder darin geäußert, daß man sich auf Gott bezog, der - so Einstein - nicht würfelt oder der - so Planck - den Ort und zugleich die Geschwindigkeit eines Teilchens kennt; oder daß man von Dämonen sprach - sei es der von Laplace, der aufgrund der vollständigen Beschreibung seiner Gegenwart die Vergangenheit und die Zukunft des Universums zu errechnen vermag, oder der von Maxwell, der durch die Manipulation einzelner Moleküle die Annäherung ans Gleichgewicht umzukehren vermag.

Aber muß man diese metaphysische Orientierung auch heute noch mit dem Ideal wissenschaftlicher Erkenntnis gleichsetzen? Warum sollten wir das Phantasma einer von ihren eigenen Wurzeln abgeschnittenen Erkenntnis als die einzig mögliche Quelle von Wahrheit und Sinn akzeptieren? Wir werden daher die Richtung einschlagen, die Tagore umschrieben hat. Eine wissenschaftliche Objektivität, die unsere Beziehungen zur Welt am Ende tur illusorisch erklärt, sie gar als »bloß subjektiv«, »bloß technisch« oder »bloß instrumentell« abwertet, ist sinnlos. All unsere Meßvorrichtungen, unsere Instrumente der wissenschaftlichen Objektivität, ohne die es keine Physik gäbe, implizieren einen Pfeil der Zeit.

Einstein sagte, es sei ein Wunder; daß die Welt sich als verstehbar erweist. Wenn aber das von Einstein gefeierte Verstehen gerade das verneint, was dieses Verstehen ermöglicht, wenn es die Bedingungen seines Gelingens reduziert auf eine aus »lediglich praktischen« Gründen vorgenommene Näherung, so ist das kein Wunder mehr, sondern eine Absurdität!


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Frank Schlaefendorf
17.04.2006