Das Kennzeichen jener Tradition, der die Physik ihre intellektuelle und emotionale Bedeutung verdankt, ist ein leidenschaftliches Fragen. Diese Tradition sperrt uns nicht ein in eine »Wahrheit«, die uns keine andere Wahl ließe als Treue oder Verrat. Der alte Gegensatz zwischen dem Ideal einer Erkenntuis, deren Objektivität dadurch gesichert wird, daß sie keinerlei Bezug zum Erkennenden enthält, und einer rein pragmatischen Konzeption der Erkenntnis gehört der Vergangenheit an.
Leibniz erkannte, wie wir gesehen haben, die große Bedeutung des Satzes vom zureichenden Grunde in der Physik seiner Epoche. Eine Wissenschaft, die diesem Satz genügen würde, die also die Äquivalenz von Ursachen und Wirkungen festzustellen vermöchte, würde nach Leibniz einen idealen Standpunkt erlangen, in dem menschliche und göttliche Erkenntnis in eins fallen. Leibniz hat aber zugleich gezeigt, wie dieses Ideal irrelevant werden konnte.
Denken wir an Adam, der zögert, von der verbotenen Frucht zu essen. Hätten wir wenn wir Adam vor dem Sündenfall gekannt hätten, vorhersagen können, daß er der Versuchung erliegen und die Befehle Gottes mißachten würde? Und hätte Adam selbst, angenommen, daß er sich ganz genau kannte, es vorhersagen können? Leibniz sagt: Nein30. Die Freiheit in Adams Handeln läßt sich nicht als Illusion abtun. Gott wußte natürlich, was er tun würde, aber wenn uns dieses Wissen verwehrt ist, dann nicht aus kontingenten Gründen, die sich durch künftige Fortschritte überwinden ließen. Wir können die Entscheidung Adams nicht vorhersehen, weil wir dazu über ein wirklich vollständiges, das heißt unendliches Wissen über Adam verfügen müßten. Was auch immer an Erkenntnissen wir über Adam vor seiner Entscheidung zusammentragen mögen, solange diese Informationen endlich bleiben, solange sie also in Zahlen oder Worten ausgedrückt werden können, werden wir nur zu einem »unbestimmten« Bild Adams gelangen, das sich mit einer unendlichen Zahl von individuellen Adams vereinbaren läßt, deren Schicksale ganz verschieden sein können, die sowohl sündigen als auch der Versuchung widerstehen können. Modern ausgedrückt, wäre die relevante Beschreibung Adams eine probabilistische.
Für Leibniz ist Freiheit in einer vom zureichenden Grund regierten Welt keine Illusion, sondern gerade Ausdruck der Distanz zwischen Wissen und Sein, die allein Gott zu überwinden vermag, da sein Wissen die Unendlichkeit umfaßt, die durch Freiheit oder Spontaneität aktualisiert wird. Wenn wir unfähig sind, die Motive einer Handlung zu benennen, oder wenn wir glauben, gegen jedes rationale Motiv gehandelt zu haben, dann liegt es daran, daß sich das, was wir »Motiv« nennen, auf unsere Erkenntnis bezieht, auf das, was wir uns klar vorstellen können. Kein Fortschritt dieser Erkenntnis wird unsere gelebte Freiheitserfahrung ihres Sinnes berauben können; angesichts der unendlich vielen Bestimmungen, die unser individuelles Wesen ausmachen, würden wir nie an eine Grenze kommen.
Leibniz' Behauptung, daß der Mensch frei sei, gehört zum Bereich der Philosophie. Die heutige Physik kann Leibniz natürlich nicht in die ontologische und ethische Problematik folgen, die er mit der Behauptung ansprach, wir könnten auch in einer vom zureichenden Grunde regierten Welt frei sein und uns an den anderen als ein freies Wesen wenden, da wir wissen, daß weder er noch wir selbst vorhersehen können, wie wir in unserem Handeln determiniert sind. Der Weg, den Leibniz im Hinblick auf das Problem der Freiheit beschritt, kann nun aber merkwürdigerweise auch im Hinblick auf sehr viel einfachere Objekte, die zum eigentlichen Bereich der Physik gehören, beschritten werden. Die Entdeckung instabiler dynamischer Systeme macht Leibniz' Darstellung der Freiheit in einer vom zureichenden Grund bestimmten Welt zu einem wissenschaftlichen Problem: Keine Messung, und sei sie noch so genau, führt bei solchen Systemen an der Unvorhersagbarkeit vorbei, keine verschafft uns wieder die Möglichkeit langfristiger Vorhersagen. Dieses wissenschaftliche Problem führt jedoch nicht zu einer Grenze unserer Erkenntuis, sondern vielmehr zu einer relevanteren Beschreibung, die es uns gestattet, die Irreversibilität und den Pfeil der Zeit auf der Ebene der Dynamik einzubeziehen.
Die heutige Physik steckt, was die Befreiung vom Erkenntnisideal der klassischen Physik angeht, noch in den Anfängen. Eine Reihe von unerwarteten Entdeckungen hat das Weltbild des Physikers verändert und auf allen Ebenen der Physik das Problem des »Werdens« aufgeworfen. Dazu gehört die Entdeckung der komplexität und Instabilität der Elementarteilchen. Weit davon entfernt, endlich zu einer Welt zu gelangen, die der Zeitlichkeit enthoben wäre, finden wir eine aktive Welt vor; in der Teilchen entstehen und vergehen und so selbst auf der Ebene des Allerkleinsten dem Werden Ausdruck geben. Dazu gehört auch die Entdeckung des geschichtlichen Charakters des Universums, den wir der auf die Entstehung des Universums zurückgehenden kosmischen Hintergrundstrahlung entnehmen müssen. Dazu gehört schließlich die Entdeckung von »dissipativen Strukturen« des Nichtgleichgewichts, die das Dogma, wonach Entropiezunahme zwangsläufig mit Unordnung verbunden sei, umgestoßen haben.
Neue Begriffe, die in die gegenwärtige Wissenschaft Eingang finden, wie »Selbstorganisation«, »Chaos« und »Fraktale«, kennzeichnen dieses neue Weltbild. Das Konzept der Selbstorganisation bringt, wie wir im folgenden Teil dieses Buches sehen werden, einen tiefgreifenden Wandel im Verständnis unseres kognitiven Verhältnisses zur Natur mit sich. Doch die Physik schwankt noch immer unschlüssig zwischen diesen Neuerungen und ihren früheren großen Theoriegebilden, der Dynamik und der Quantenmechanik, die ihr traditionelles Ideal verkörpern.
Das Verhältnis zwischen Physik und Metaphysik war, wie wir gesehen haben, immer von einem Zusammenhang zwischen theoretischen und »technischen« Argumenten geprägt. Dieser Zusammenhang ist ein Bestandteil der schöpferischen Entwicklung der Physik. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts hätte niemand vorhersehen können, welche Bedeutung einmal den Universalkonstanten c (der Lichtgeschwindigkeit) und h (der Planck-Konstante) zukommen würde. Einige Jahre später hatten die Physiker die Tatsache akzeptiert, daß aus der ersteren folgt, daß wir die Welt nicht von einem einzigen Beobachtungsstandpunkt aus beschreiben können; Objektivität ist nur möglich bei einer Mehrzahl von Beobachtern, die sich in Bezugssystemen befinden, welche sich gegeneinander bewegen. Und etwa 25 Jahre später wurde bewiesen, daß die Planck-Konstante uns zwingt, auf die Hälfte der Prädikate, mit deren Hilfe das Teilchen in der klassischen Physik definiert wurde, zu verzichten; bei einem Objekt, das der Quantentheorie gehorcht, ist es nicht mehr möglich, gleichzeitig seinem Ort und seiner Geschwindigkeit wohldefinierte Werte zuzuschreiben.
Der Theoriewandel, den wir im W. Teil dieses Buches beschreiben, gehört in die gleiche Kategorie. Auch hier wird ein »technisches« Problem, die Formulierung der »Gesetze des Chaos«, der Beschreibung der Dynamik instabiler, chaotischer Systeme, zum Anlaß einer theoretischen Neuerung, die in die Dynamik jene fehlenden Elemente hineinbringt, welche die Kluft zwischen den zeitlosen Gesetzen stabiler dynamischer Systeme und unserer zeitlichen, offenen Realität schließen. Man könnte sagen, daß instabile Systeme die entgegengesetzten Vorstellungen von Leibniz auf der einen sowie von Clarke und Newton auf der anderen Seite miteinander versöhnen. Die Dynamik - die klassische ebenso wie die Quantendynamik - könnte eine Kohärenz gewinnen, die sowohl die mikroskopische als auch die makroskopische Physik umfaßt, doch ist die Dynamik nunmehr die Wissenschaft von einer Welt, die sowohl Gesetze als auch Ereignisse, das Sein ebenso wie das Werden einschließt.