In den zurückliegenden Jahrzehnten unseres Jahrhunderts hat das Zeitparadox an Schärfe gewonnen. Die von Leibniz und Newton diskutierten Fragen beschäftigen uns zum größten Teil noch immer. Besonders das Problem des Neuen. Wie können wir das Neue erklären, ohne es zu verleugnen, ohne es auf die bloße Wiederholung des immer Gleichen zu reduzieren? Jacques Monod hat dankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, daß Naturgesetze, die keinerlei Entwicklung kennen, sich nicht mit der Entstehung von Neuem vertragen. Für Monod war das Auftreten von Lebewesen ein statistisches Wunder: Unsere Nummer wurde in einem kosmischen Lotteriespiel gezogen31. Das Problem reicht jedoch tiefer. Die bloße Existenz unseres strukturierten Universums stellt den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in Frage; nach Boltzmanns Auffassung war der einzige normale Zustand des Universums der »Wärmetod«. Alle Unterschiede, die mit dissipativen Prozessen wie etwa Sternen oder Galaxien verbunden sind, konnten nur als zeitweilige Fluktuationen verstanden werden.
»Werden wir irgendwann imstande sein, den Zweiten Hauptsatz zu überwinden?« Diese Frage richten die Menschen in Isaac Asimovs Erzählung The Last Question32 von Generation zu Generation und von Zivilisation zu Zivilisation immer wieder an einen Riesencomputer. Der Computer kann sie nicht beantworten: »Die Daten reichen nicht aus.« Milliarden von Jahren vergehen, Sterne und Galaxien sterben, doch der Computer; der inzwischen direkt an die Raumzeit angeschlossen ist, sammelt noch immer die fehlenden Daten. Schließlich gibt es nichts mehr; was er noch aufnehmen könnte, nichts »existiert« mehr, doch der Computer rechnet und rechnet, fährt fort, Korrelationen herzustellen. Und schließlich hat er die Antwort. Es ist niemand mehr da, der sie erfahren könnte, aber der Computer weiß jetzt, wie der Zweite Hauptsatz überwunden werden könnte. »Und es ward Licht...«
Asimov sieht also - wie Jacques Monod im Auftreten des Lebens - in der Entstehung des Universums ein antientropisches, »widernatürliches« Ereignis. Doch Asimovs Sieg des Wissens über die Naturgesetze und die von Monod beschworene Idee einer kosmischen Lotterie gehören der Vergangenheit an. Die Annahme, daß die Ereignisse, denen wir unsere Existenz verdanken, in den »Naturgesetzen« keinen Platz hätten, ist heute nicht mehr nötig. Diese Gesetze widersprechen nicht länger der Idee einer echten Evolution, die Neues hervorbringt, denn diese kann wissenschaftlich durch drei Mindestvoraussetzungen definiert werden.
Die erste dieser Voraussetzungen ist die Irreversibilität, die Brechung der Symmetrie zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie ist aber nicht hinreichend. Nehmen wir zum Beispiel ein Pendel, dessen Bewegung zunehmend gedämpft wird, oder den Mond, dessen Umdrehungszeit um die eigene Achse immer mehr abgenommen hat. Ein anderes Beispiel wäre eine chemische Reaktion, die im Gleichgewichtszustand aufhört. Diese Situationen entsprechen nicht echten Evolutionsprozessen.
Eine weitere Voraussetzung muß daher erfüllt sein; wir müssen die Idee des Ereignisses einführen. Ein Ereignis kann definitionsgemäß nicht aus einem deterministischen Gesetz abgeleitet werden, mag es zeitlich reversibel sein oder nicht; es impliziert, daß etwas, was geschehen ist, nicht zwangsläufig geschehen mußte. Wir können also bestenfalls hoffen, daß wir das Ereignis mit Hilfe von Wahrscheinlichkeiten zu erklären vermögen und daß sich unser probabilistischer Ansatz nicht als ein Ergebnis unserer Unwissenheit entpuppt. Doch auch Wahrscheinlichkeiten sind noch nicht hinreichend. Eine Geschichte verdient nur dann erzählt zu werden, wenn einige der Ereignisse, die sie schildert, einen »Sinn« ergeben. Eine Serie von Würfen mit dem Würfel macht man nicht zum Gegenstand einer Erzählung, es sei denn, bestimmte Würfe hätten zukunftsentscheidende Folgen, wenn etwa der Würfel Teil eines Glücksspiels ist und der Wurf über Sieg oder Niederlage entscheidet.
Jeder kennt die Geschichte von dem lockeren Nagel, der aus einem Hufeisen herausfiel, das daraufhin abging, so daß der Reiter anhalten mußte, und weil er fehlte, ging eine Schlacht verloren, mit der Folge, daß ein Imperium zerfiel... Das sind Dinge, die den Geschichtsliebhaber faszinieren und immer wieder in den »Zeitreisen« der Science-fiction abgehandelt werden: Was wäre geschehen, wenn...? Bei solchen Spekulationen geht es immer um einen Wechsel der Größenordnung. Ein scheinbar unbedeutendes Ereignis hätte den Verlauf der Geschichte verändern können. Die dritte Mindestvoraussetzung lautet daher, daß bestimmte Ereignisse imstande sein müssen, den Verlauf der Evolution zu verändern. Anders gesagt: Die Evolution muß »instabil« sein, sie muß Mechanismen aufweisen, die imstande sind, bestimmte Ereignisse zum Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung, einer neuen globalen Kohärenz zu machen.
Die Evolutionstheorie Darwins erfüllt die drei oben formulierten Mindestvoraussetzungen. Über die Irreversibilität brauchen wir kein Wort zu verlieren, denn sie kommt auf allen Ebenen vor, angefangen von der Geburt und dem Tod der Individuen bis hin zum Auftreten neuer Arten und neuer ökologischer Nischen, die wiederum neue Evolutionsmöglichkeiten schaffen. Das hervorstechende Ereignis, das die Theorie Darwins zu erklären hatte, ist das Auftreten einer neuen Art. Darwin erklärte dieses Ereignis als Folge verwickelter Prozesse. Es setzt eine Fülle von Mikroereignissen voraus, denn eine Population besteht aus Individuen, die, mögen sie auch der gleichen Art angehören, nicht identisch sind. Die Geburt eines Individuums stellt daher ein Mikroereignis dar, eine geringfügige Modifikation der Population. Das Entstehen einer neuen Art bedeutet, daß einige dieser Mikroereignisse eine besondere Bedeutung bekommen: Bestimmte Individuen vermehren sich aus irgendeinem Grund stärker als andere, und damit verändert sich das Durchschnittsprofil der Population. Die natürliche Auslese ist somit ein Mechanismus, der kleine Unterschiede verstärken kann und schließlich zu etwas wirklich Neuem führt, der Entstehung einer neuen Art.
Die Darwinsche Theorie dient uns nur als Modell. Doch genau wie sie muß jedes Evolutionsmodell die Irreversibilität, das Ereignis und die Möglichkeit enthalten, daß bestimmte Ereignisse zum Ausgangspunkt einer neuen Kohärenz werden. Die Geschichte der Menschheit läßt sich weder auf zugrundeliegende Regelmäßigkeiten reduzieren, noch stellt sie eine bloße Ansammlung von Ereignissen dar. Jeder Historiker weiß, daß man zur angemessenen Beschreibung der außergewöhnlichen Rolle einzelner Individuen auch die sozialen und historischen Mechanismen untersuchen muß, die diese Rolle ermöglichten, er weiß aber auch, daß die nämlichen Mechanismen ohne das Ereignis, ohne die Existenz dieser Individuen zu einer ganz anderen Geschichte hätten führen können.
Die Thermodynamik des 19.Jahrhunderts, der es um das Gleichgewicht ging, erfüllt offenbar nur die erste unserer drei Voraussetzungen. Zwar kann die Herstellung eines gleichgewichtsfernen Systems als ein Ereignis aufgefaßt werden, doch was die Thermodynamik beschrieb, war nur die Art und Weise, wie dieses Ereignis »vergessen« wird, während das System sich auf seinen Gleichgewichtszustand hin entwickelt.
In den letzten 20 Jahren hat sich die Thermodynamik jedoch erheblich verändert.
Der Zweite Hauptsatz beschreibt nicht mehr nur die mit der Annäherung ans Gleichgewicht
verbundene Nivellierung der Unterschiede. Dieser Begriffswandel, der das Problem
des Werdens in die Physik einführt, soll ein wenig ausführlicher beschrieben
werden.