Wir wollen nun das einfachste Beispiel eines chaotischen Systems betrachten,
die sogenannte Bernoulli-Abbildung. Wir verdoppeln in regelmäßigen Zeitintervallen
den Wert einer Zahl, sagen wir x, aber so, daß er zwischen 0 und 1 bleibt, das
heißt, wir nehmen die Zahl »modulo 1« (wenn die Zahl größer als 1 ist, subtrahieren
wir 1). Wir erhalten so die Abbildung
,
dargestellt in Abb. 5.3. Dies entspricht der »Bewegungsgleichung« für die Bernoulli-Abbildung.
Abb. 5.3 Bernoulli-Abbildung: Jeder Punkt auf den durchbrochenen Linien ist
definiert durch seinen Wert
.
Man beachte, daß die Bewegungsgleichung deterministisch ist. Sobald wir
kennen, ist
eindeutig bestimmt. Wir haben hier ein Beispiel des
»deterministischen Chaos«. Wir können, ausgehend von einer beliebigen Zahl,
die entstehenden Sequenzen nachprüfen (zum Beispiel 0,13; 0,26; 0,52; 0,04;
0,08; 0,16; 0,32; 0,64; 0,28;...). Beginnen wir nicht mit 0,13, sondern mit
0,14, so erhalten wir nach der gleichen Anzahl von Schritten 0,84, ganz verschieden
von 0,28. Wir können mit einem beliebigen Anfangswert
die Bewegungsgleichung
lösen, doch ist diese Lösung nicht
brauchbar, weil zwei beliebig eng benachbarte Anfangswerte
mit
wachsendem n divergierende Resultate ergeben.
In Abb. 5.4 sehen wir das Resultat einer numerischen Simulation. Die Trajektorie ist wie im Fall der Brownschen Bewegung erratisch.
Es ist leicht einzusehen, warum zwei beliebig eng benachbarte Punkte mit der
Zeit divergieren. Wir wollen x nun in einer binären Schreibweise darstellen:
,
wobei
oder 1 ist (wir führen negative Indizes ein, in Anknüpfung
an die in Abschnitt 3 erörterte Bäcker-Transformation). Jede Zahl x wird auf
diese Weise dargestellt durch eine Reihe von Ziffern, die entweder 0 oder 1
sind. Es ist leicht nachzuprüfen, daß die Abbildung der Verschiebung
entspricht (so ist
). Die Abbildung verschiebt die
Zahl
nach links; da der Wert jeder Ziffer in der eine Zahl repräsentierenden
Reihe von den anderen unabhängig ist, kann man das Ergebnis der aufeinander
folgenden Verschiebungen mit dem eines Münzwurfs vergleichen. Deshalb bezeichnet
man dieses System als »Bernoulli-Verschiebung«, zur Erinnerung an den großen
Mathematiker des 18.Jahrhunderts, der die Glücksspiele untersucht hat. Wir erkennen
auch die Bedeutung der »Empfindlichkeit für die Anfangsbedingungen«: Zwei Zahlen,
die anfangs nur geringfügig differieren (sagen wir, um
, also
um weniger als
!), werden nach 40 Schritten um
differieren. Wir können sogar einen positiven Ljapunow-Exponenten definieren,
dessen Wert
2 ist, da x sich bei jedem Schritt verdoppelt.
Abb. 5.4 Zwei Trajektorien, erhalten durch Iteration der Bernou11i-Transformation.
Die Ausgangspunkte sind nahezu die gleichen, doch nach einigen Schritten unterscheiden
sich die Trajektorien vollkommen (Simulation durch Dean Driebe).
Man beachte, daß diese Abbildung nicht umkehrbar ist. Sie entspricht von Anfang
an einer bevorzugten Zeitrichtung; wenn wir statt
die umgekehrte Abbildung
betrachten, finden wir
einen einzigen punktförmigen Attraktor, der
entspricht. Die zeitliche
Symmetrie ist bereits auf der Ebene der Bewegungsgleichung gebrochen. Dies kontrastiert
mit dynamischen Systemen, deren Bewegungsgleichungen reversibel sind. Nichtumkehrbare
Systeme wie die Bernoulli-Abbildung werden in der Literatur als »exakte Systeme«
bezeichnet57.
Wir möchten darauf aufmerksam machen, daß die zeitliche Entwicklung eines solchen chaotischen Systems trotz seiner deterministischen Bewegungsgleichung nicht durch Trajektorien beschrieben werden kann. Eine Trajektorie ist, wie Pierre Duhem schon 1906 betonte58, nur dann eine angemessene Darstellungsform, wenn sie bei geringfügiger Variation der Anfangsbedingungen »annähernd gleich« bleibt. Genau diese »Robustheit« ist für die Beschreibung chaotischer Systeme durch Trajektorien nicht gegeben. Eben das bedeutet »Empfindlichkeit für die Anfangsbedingungen «. Zwei anfangs beliebig eng benachbarte Trajektorien divergieren mit der Zeit exponentiell. Die Fragen, die wir an ein System stellen, sind nur dann physikalisch sinnvoll, wenn sie robuste Antworten haben. Deshalb müssen wir in solchen Situationen auf eine für beliebige Zeiten gültige statistische Beschreibung zurückgreifen.
Abb. 5.5 Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsverteilung bei der Bernoulli-Abbildung
(Simulation durch Dean Driebe).
Wir führen daher die Wahrscheinlichkeit
ein,
eine Trajektorie nach n Iterationen am Punkt x anzutreffen. Schreiben wir
:
Die Wahrscheinlichkeit
nach
Iterationen wird erhalten als Effekt einer Operation an
.
Die explizite Form von
beschreiben wir im 10.Kapitel. Hier
schon einige vorläufige Ergebnisse. Durch Iteration der Beziehung erhalten wir
die Lösung
,
wobei
die Wahrscheinlichkeitsverteilung ist,
mit der wir beginnen. In Abb. 5.5 sehen wir das Resultat der Iteration an einem
spezifischen Beispiel.
Wie wir sehen, tendiert
rasch zu einer Konstanten,
was der Annäherung an eine Gleichgewichtssituation entspricht. Wie bei der Brownschen
Bewegung ist das langfristige Resultat
für
. Wir möchten jedoch noch mehr wissen. Wie schnell
wird das Gleichgewicht erreicht? Wie ist das Verhältnis zum Ljapunow-Exponenten?
Zur Beantwortung dieser Fragen müssen wir geeignete Instrumente einführen. Dies
wird in den folgenden Kapiteln geschehen. Doch der wesentliche Punkt sollte
schon hier deutlich werden: Für chaotische Systeme müssen die Naturgesetze so
formuliert werden, daß sie statt individueller Trajektorien die Entwicklung
der Wahrscheinlichkeitsverteilungen beschreiben.