Das grundlegende Problem der Newtonschen Mechanik besteht darin, mit Hilfe von Newtons berühmter Bewegungsgleichung F=ma, die die Beschleunigung, also die Veränderung des Bewegungszustands, mit der Kraft verknüpft, die Bewegung von wechselwirkenden Körpern zu berechnen.
Die mit einer Trajektorie verbundenen Größen sind die Position r(t), die Geschwindigkeit
v, definiert als
, und die Beschleunigung
.
Der wesentliche Punkt ist, daß die Zeit nur durch die zweite Ableitung in Newtons
Gleichung Eingang findet. Dadurch bleibt Newtons Gleichung unverändert, wenn
wir t durch -t ersetzen. Newtons Gesetz ist der Prototyp eines »Naturgesetzes«:
Es ist zeitlich reversibel und deterministisch. Wenn wir die Ausgangspositionen
und die Anfangsgeschwindigkeiten
haben,
können wir die Integration durchführen und die Position sowie die Geschwindigkeit
zu einem beliebigen Zeitpunkt t vor oder nach
berechnen.
Fast drei Jahrhunderte lang schien es, als sei die Newtonsche Dynamik ein geschlossenes
theoretisches System, das jede Frage, die man ihm stellte, zu beantworten vermochte.
Es verstand sich fast von selbst, daß man eine Frage, auf die die Dynamik keine
Antwort hatte, als Scheinproblem abtat. Der »Newtonsche« Ansatz definiert die
Welt als eine Gesamtheit von Trajektorien
und schließt
damit jede Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft aus. So wird, wenn
eine Trajektorie von A nach B führt, eine andere, gleichermaßen mögliche Trajektorie
von B nach A führen (Abb. 6.1).
Gemeinhin wird der Zustand eines dynamischen Systems dargestellt durch die Ortskoordinaten
, die unabhängige Variablen sind, und die entsprechenden
Geschwindigkeiten
, die als Ableitungen der Koordinaten
nach der Zeit abhängige Variablen sind. Die moderne Physik verwendet statt der
Newtonschen eine »Hamiltonsche« Beschreibung, in der sowohl die Koordinaten
als auch die Geschwindigkeiten - genauer die Impulse (sie ergeben sich in einfachen
Fällen aus Masse mal Geschwindigkeit) - als unabhängige Variablen auftreten.
Der Vorteil besteht in einer großen Vereinfachung der Bewegungsgleichungen.
Die zentrale Größe in der Hamiltonschen Dynamik ist die Hamilton-Funktion
.
Wir werden hauptsächlich »konservative« Systeme betrachten, in denen H nicht
explizit von der Zeit abhängt62. In vielen Fällen (etwa bei der Wechselwirkung zwischen Teilchen durch Gravitation)
erhält die Hamilton-Funktion daher die Form
. Sie ist die Summe aus einer »kinetischen Energie«, die nur von den Impulsen,
und einer »potentiellen Energie«, die nur von den Koordinaten abhängt. Die Hamiltonfunktion
drückt die Energie des Systems durch die »kanonischen Variablen« p und q aus
(wenn ein Mißverständnis ausgeschlossen ist, verzichten wir von nun an auf den
Index).
In der Hamiltonschen Beschreibung verdoppelt sich die Zahl der unabhängigen
Variablen, aber die Bewegungsgleichungen werden ganz einfach. Betrachten wir
ein System aus N Punkten. Jeder der 3N Koordinaten der N Punkte entspricht eine
»kanonische« Gleichung von der Form
.
Und jedem ihrer 3N Impulse entspricht eine »kanonische« Bewegungsgleichung von
der Form
. Betrachten wir
als einen Sonderfall den Fall freier; das heißt nicht wechselwirkender Teilchen.
Die Hamilton-Funktion hängt nur von den Impulsen ab (es gibt keine potentielle
Energie). Die kanonischen Gleichungen führen daher zu zeitlich konstanten Impulsen
und zu Ortskoordinaten,
die eine lineare Funktion der Zeit sind. Dies ist natürlich ein »trivialer«
Fall, der aber; wie man sehen wird, beim allgemeinen Problem der Integration
der Hamiltonschen Bewegungsgleichungen eine recht erhebliche Rolle spielt.
Abb. 6.1 Äquivalenz zwischen Trajektorien AB und BA.
Die kanonische Formulierung der Bewegungsgleichungen ist eine große Errungenschaft der klassischen Dynamik, da die Bewegungsgesetze darin durch eine einzige Größe, die Hamilton-Funktion H, ausgedrückt werden. Darüber hinaus können wir, wie im 5.Kapitel, einen Phasenraum definieren. Für ein dynamisches System aus N Punkten ist der Phasenraum 6N-dimensional (3N Koordinaten und 3N Impulse). Jeder Zustand des dynamischen Systems kann durch einen Punkt im Phasenraum dargestellt werden. Die Lage des Ausgangspunktes und die Hamilton-Funktion bestimmen vollständig die Trajektorie. Zwei Trajektorien im Phasenraum mit unterschiedlichen Ausgangspunkten bleiben daher für immer verschieden. Jeder Punkt im Phasenraum gilt für eine und nur für eine Trajektorie.
Um nun zum Begriff des »integrablen Systems« zu kommen, betrachten wir den einfachen
Fall eines eindimensionalen harmonischen Oszillators (zum Beispiel eines Gewichts,
das an einer Feder schwingt). Seine Hamilton-Funktion lautet H=
+
wobei m die Masse und k die Federkonstante ist, die die Inelastizität der Feder
ausdrückt;
ist die übliche kinetische Energie und
die
potentielle Energie, die bei q = 0, der Gleichgewichtsposition der Feder; offensichtlich
ein Minimum ist. Die Federkonstante k ist mit der Frequenz v des Oszillators
durch die Beziehung
verknüpft.
Zur Vereinfachung der Gleichungen können wir statt q, p neue Variablen
und J einführen, die gleichfalls den kanonischen Bewegungsgleichungen gehorchen
und mit q und p durch die Beziehungen
und
verknüpft sind.
Diese Transformation ähnelt sehr der Transformation aus kartesischen in Polarkoordinaten;
nennt man die Winkelvariable, J die Wirkungsvariable und
die Kreisfrequenz. Mit diesen Variablen nimmt die Hamilton-Funktion die einfache
Form
an. Sie hängt nur von dem neuen Impuls, der »Wirkungsvariablen«,
ab. Im Fall freier Teilchen gilt daher
, das heißt, die Wirkungsvariable J ist eine Bewegungskonstante. Für die Winkelvariable
gilt
.
Ihre zeitliche Entwicklung ist somit eine lineare Funktion der Zeit,
.
Den Übergang von den Variablen
zu den Variablen
bezeichnet man als »kanonische Transformation«. In unserem Fall gestattet die
kanonische Transformation, die Wechselwirkung (hier der potentiellen Energie)
in der Hamilton-Funktion zu eliminieren. Die Bewegung wird dann ausgedrückt
durch die »zyklischen« Variablen
, und die Hamilton-Gleichungen
werden, wie schon gesagt, besonders einfach. Sie lassen sich jetzt leicht integrieren.
In dieser »zyklischen« Darstellung ist die Hamilton-Funktion H nur von den Wirkungsvariablen
; abhängig. Jeder Impuls ist, wie bei der freien Bewegung,
eine Invariante
, und jeder durch
ausgedrückte Ort ist eine lineare Funktion der Zeit:
.
Die Möglichkeit, die potentielle Energie »wegzutransformieren«, ist nach Poincaré
ein grundlegendes Merkmal der integrablen dynamischen Systeme.
Abb. 6.2 Die Winkel- und Wirkungsvariablen als Funktion der kartesischen Koordinaten.
Die Bezeichnung »zyklische Variablen« für die Variablen, die in der Hamilton-Funktion
die Wechselwirkungen eliminieren, beruht auf dem periodischen Charakter der
Bewegung, der durch sie explizit gemacht wird. Wie wir am Beispiel des harmonischen
Oszillators gesehen haben, können die Koordinaten q ja als periodische Funktionen
der Winkelvariablen
ausgedrückt werden. Wenn das integrable System
einen Freiheitsgrad besitzt, kann seine Entwicklung als Bewegung auf einem Kreisumfang
dargestellt werden. Für zwei Freiheitsgrade ergibt sich eine Bewegung auf einem
Torus (siehe Abb. 6.3).
Die Frequenzen des Systems
werden eine sehr
wichtige Rolle spielen. Sie sind, wie wir gesehen haben, die Ableitungen der
Winkelvariablen
, nach der Zeit, gegeben durch
die kanonischen Gleichungen
.
Durch diese Frequenzen kommen wir zum Begriff der Resonanz, der für das Poincaré-Theorem
von entscheidender Bedeutung ist.
Abb. 6.3 Entwicklung eines integrablen Systems mit zwei Freiheitsgraden.
Die Erscheinung der Resonanz ist uns allen vertraut. Wenn wir eine Feder aus ihrer Gleichgewichtslage auslenken, schwingt sie mit einer charakteristischen Frequenz. Unterwerfen wir diese Feder nun einer äußeren Kraft, die durch eine variable Frequenz gekennzeichnet ist. Stehen die beiden Frequenzen, die der Feder und die der äußeren Kraft, in einem einfachen numerischen Verhältnis (das heißt, ist eine der Frequenzen gleich der anderen oder 2, 3, 4,... mal größer), so wird die Bewegungsamplitude der Feder dramatisch zunehmen. Wenn die Anstöße, die wir einer Schaukel geben, deren Periode entsprechen, wird die Bewegung der Schaukel verstärkt. Gleiches geschieht in der Musik, wenn wir einen Ton spielen, dessen Frequenz ein gerades Vielfaches der natürlichen Frequenz des Instruments ist. Die Resonanz kann somit charakterisiert werden als eine Energieübertragung zwischen zwei gekoppelten periodischen Bewegungen, deren Frequenzen gleich (oder ein Vielfaches der jeweils anderen) sind.
Betrachten wir nun den Fall eines integrablen Systems mit zwei Freiheitsgraden,
dessen Bewegung wir auf einem Torus darstellen können. Es treten zwei Situationen
auf. Wenn
ist, wobei n
und n
ganze Zahlen sind, die nicht beide verschwinden, haben wir
Resonanz. Dies bedeutet, daß
,
das heißt, das Verhältnis der Frequenzen ist eine rationale Zahl. Wenn Resonanz
gegeben ist, ist die Bewegung auf dem Torus periodisch. Wenn
dagegen für beliebige ganze Zahlen n
, n
von 0 verschieden
ist, kehrt der repräsentative Punkt niemals in seine Ausgangslage zurück. Wir
haben dann auf dem Torus eine bedingt periodische Bewegung, die eine schraubenförmige
Trajektorie beschreibt, welche sich niemals schließt. Bei einem System mit zwei
Freiheitsgraden geschieht dies beispielsweise, wenn
und
irrational ist, wie etwa die Quadratwurzel aus 2.
Eine bedingt periodische Bewegung ist sehr verwickelt. Da ihre repräsentative Trajektorie sich niemals schließt und sich auch nicht schneidet, »füllt« sie nach und nach den ganzen Torus »aus«. Sie durchläuft schließlich jede gewünschte Nachbarschaft eines beliebigen Punktes auf der Torusoberfläche. Solche Bewegungen nennt man »überall dicht«.
Nachdem wir die wesentlichen Züge der Resonanz skizziert haben, können wir uns
nun eingehender mit dem Poincaré-Theorem befassen.