Durch die Untersuchungen von Kolmogoroff, die von Arnold und Moser fortgesetzt wurden und in die sogenannte KAM-Theorie mündeten, gelangte man zu der Einsicht, daß das Problem der Nichtintegrierbarkeit nicht, um das Wort von Born abzuwandeln, der frustrierende Ausdruck eines Widerstands der Natur gegen die Fortschritte der Erkenntnis war, sondern ein neuer Ansatzpunkt für die Dynamik.
In der KAM-Theorie geht es um den Einfluß von Resonanzen auf Trajektorien. Hier sei betont, daß der einfache Fall des harmonischen Oszillators, dessen Frequenz eine von den Wirkungsvariablen J unabhängige Konstante ist, eine Ausnahme darstellt: Im allgemeinen hängen Frequenzen vom Wert der Wirkungsvariablen J ab. Sie nehmen an verschiedenen Punkten im Phasenraum unterschiedliche Werte an. Das führt dazu, daß einige Punkte im Phasenraum eines dynamischen Systems durch Resonanzen charakterisiert sind, andere dagegen nicht. Resonanzen entsprechen, wie wir gesehen haben, rationalen Beziehungen zwischen Frequenzen. Es ist ein klassisches Resultat der Zahlentheorie, daß das »Maß« rationaler Zahlen 0 ist, verglichen mit den irrationalen. Dies bedeutet, daß Resonanzen »selten« sind: Die meisten Punkte im Phasenraum sind nichtresonant. Außerdem sahen wir in Abschnitt 3, daß Resonanzen in Abwesenheit von Störungen zu einer periodischen Bewegung (den sogenannten »resonanten Tori«) führen, während wir im allgemeinen eine bedingt periodische Bewegung (die nichtresonanten Tori) haben. Kurz, periodische Bewegungen sind die Ausnahme.
Wir können daher erwarten, daß, wenn Störungen eingeführt werden, die Bewegung
auf resonanten Tori sich im Einklang mit Poincarés Theorem drastisch ändern
wird, während die bedingt periodische Bewegung nur geringfügig modifiziert wird,
zumindest wenn der Störungsparameter
klein ist (die KAM-Theorie
führt zusätzliche Bedingungen ein, mit denen wir uns hier jedoch nicht befassen).
Das zentrale Resultat der KAM-Theorie besagt, daß wir jetzt zwei ganz verschiedene
Arten von Trajektorien haben: geringfügig modifizierte bedingt periodische Trajektorien
und zufällige Trajektorien, die auf der Zerstörung der resonanten Tori beruhen65.
Das Auftreten von zufälligen Trajektorien, wichtigstes Ergebnis der KAM-Theorie,
kann anhand von numerischen Berechnungen illustriert werden. Betrachten wir
ein System mit zwei Freiheitsgraden. Der Phasenraum hat zwei Koordinaten
und zwei Impulse
. Für einen gegebenen Wert der Energie
werden die Berechnungen ausgeführt, so daß nur drei unabhängige Variablen übrigbleiben.
Um die Darstellung der dreidimensionalen Trajektorien zu vermeiden, betrachten
wir nur die Schnittpunkte der Trajektorien mit der
-Ebene.
Um die Dinge weiter zu vereinfachen, stellen wir nur die Hälfte dieser Schnittpunkte
fest, nämlich diejenigen, bei denen die Trajektorie »aufwärts« verläuft. Diese
Darstellung wurde schon von Pomcare benutzt; man bezeichnet sie als »Poincaré-Schnitt«
(oder »Poincaré-Abbildung«; Abb. 6.4). Sie zeigt deutlich den Unterschied
zwischen periodischen und zufälligen Trajektorien.
Wenn die Bewegung periodisch ist, ist der Schnittpunkt einfach ein Punkt. Wenn
sie bedingt periodisch ist, also auf einen Torus beschränkt ist, beschreiben
die aufeinanderfolgenden Schnittpunkte eine geschlossene Kurve in der
-Ebene.
Wenn die Trajektorie »zufällig« ist, wenn sie also erratisch durch den Phasenraum
wandert, werden die Schnittpunkte ebenfalls erratisch durch ein Gebiet der Ebene
wandern.
Ein anderes wichtiges Ergebnis besteht darin, daß bei einer Erhöhung des Werts
des Kopplungsparameters
die Gebiete, in denen der Zufall herrscht,
wachsen. Bei einem kritischen Wert von
tritt Chaos auf: Wir
haben dann einen positiven Ljapunow-Exponenten, so daß zwei beliebig eng benachbarte
Trajektorien mit der Zeit exponentiell divergieren. Bei voll enlwickeltem Chaos
erfüllt die gesamte Wolke der durch eine Trajektorie generierten Punkte außerdem
Gleichungen vom Tvp einer Diffusionsgleichung66.
Abb. 6.4 Poinceare-Abbildung: periodische Bewegung (A), quasiperiodische Bewegung
(B), zufällige Bewegung (C).
Diffusionsgleichungen weisen, wie schon im 5.Kapitel in Abschnitt 1 im Zusammenhang
mit der Brownschen Bewegung erwähnt, eine gebrochene zeitliche Symmetrie auf.
Sie beschreiben die Annäherung an die Gleichförmigkeit in unserer Zukunft (das
heißt, für
). Es ist daher sehr interessant, daß
wir Computerberechnungen zufolge mit einem Programm, das auf der klassischen
Dynamik basiert, Entwicklungen erhalten, die eine gebrochene zeitliche Symmetrie
zeigen. Wie ist das möglich? Dies ist das Hauptproblem, das wir lösen müssen,
um das Zeitparadox zu überwinden.
Es muß außerdem betont werden, daß die KAM-Theorie nicht zu einer dynamischen
Theorie des Chaos führt. Sie zeigt - und darin liegt ihre Bedeutung -, daß wir
bei kleinen Werten von
so etwas wie ein gemischtes Regime haben,
in dem sowohl regelmäßige als auch zufällige Trajektorien nebeneinander vorkommen.
Uns interessiert aber vor allem, was geschieht, wenn wir zu dem Grenzfall übergehen,
bei dem wir wiederum nur eine Art von Trajektorie haben. Dies ist die Situation,
die »großen« Poincaré-Systemen (abgekürzt GPS - englisch: large Poincaré
systems - LPS) entspricht, denen wir uns nun zuwenden.