Von größter Bedeutung für die Formulierung der Quantenmechanik war die Beobachtung,
daß die Wechselwirkung zwischen Atomen und Licht zu scharfen Absorptions- bzw.
Emissionsfrequenzen führt. Bohr charakterisierte das Atom durch diskrete Energieniveaus.
Die Frequenz der absorbierten bzw. emittierten Photonen entspricht in dieser
Sicht der Differenz zwischen den Energieniveaus. Es bedurfte eines großen Schritts,
um dieses Bild mit klassischen Vorstellungen zu versöhnen. Die klassische Hamilton-Funktion
nimmt in Abhängigkeit von den Werten der Koordinaten und Impulse eine kontinuierliche
Reihe von Werten an. In der Quantentheorie wird die als eine stetige Funktion
aufgefaßte Hamilton-Funktion H durch ein neues Objekt ersetzt, den Hamilton-Operator
.
Ein Operator ist nichts anderes als eine mathematische Vorschrift, die man anwendet,
um eine Funktion in eine andere zu transformieren. Das kann eine Multiplikation
mit einer gegebenen Größe oder eine Differentiation,
, oder
eine Ableitung zweiten Grades,
, oder eine sonstige
mathematische Operation sein. Es muß zusätzlich angegeben werden, auf welche
Art von Funktionen ein Operator wirkt, zum Beispiel stetige Funktionen, ableitbare
Funktionen und so weiter. Diese Funktionenmenge charakterisiert den »Raum«,
in dem der Operator definiert ist.
Von besonderem Interesse für die Physik ist die Beziehung zwischen einem Operator und der Menge seiner Eigenfunktionen. Die Wirkung eines Operators auf eine Eigenfunktion reproduziert per definitionem die gleiche Funktion, multipliziert mit einer gegebenen Größe. Diese Größe bezeichnet man als den Eigenwert des Operators. In der Quantenmechanik werden die mit einer physikalischen Größe verbundenen beobachtbaren numerischen Werte als die Eigenwerte des betreffenden Operators bezeichnet.
Betrachten wir beispielsweise den Operator
Wenn er
auf eine Funktion
wirkt, verwandelt er sie in 6x. Die Funktion
ist keine Eigenfunktion dieses Operators. Wenn unser Operator jedoch
auf die Funktion
wirkt, verwandelt er sie in
;
ist ein Eigenwert des mit der Eigenfunktion
verbundenen
Operators.
Wenn man ein Eigenwertproblem löst, sucht man nach den Eigenfunktionen des Operators.
So ist
die Lösung des »Eigenwertproblems«, das definiert ist
durch die Gleichung
, mit den entsprechenden
Eigenwerten
.
Die mit einem Atom verbundenen diskreten Energieniveaus sind die Eigenwerte des Hamilton-Operators. Diese Eigenwerte bilden ein »diskretes Spektrum«, dessen aufeinanderfolgende Eigenwerte durch endliche Abstände voneinander getrennt sind (der Ausdruck »Spektrum« bezieht sich auf die ursprünglichen spektroskopischen Experimente). Das Spektrum kann auch »stetig« sein. Da die Unterscheidung zwischen einem diskreten und einem stetigen Spektrum für unsere Theorie fundamental ist, wollen wir ein Beispiel erläutern.
Wir betrachten nochmals die Gleichung
und fügen die Bedingung hinzu, daß die Eigenfunktionen an den Grenzen des Bereichs
zwischen
und
gleich 0 sind. Das heißt:
muß für
und für
gleich 0 sein. Daraus folgt, daß
ist, wobei n eine ganze Zahl ist. Die erlaubten Eigenwerte bilden jetzt das
diskrete Spektrum
. Der Abstand zwischen
zwei aufeinanderfolgenden Eigenwerten ist umgekehrt proportional zu
.
Wenn L gegen
geht, so geht dieser Abstand folglich gegen 0, und
wir erhalten ein stetiges Spektrum. Ein physikalisches Analogon dieses mathematischen
Beispiels ist das zweigeteilte Spektrum eines Atoms: Der diskrete Teil beschreibt
die Energieniveaus des Atoms als in einen »endlichen Kasten« (der durch einen
Potentialwall gebildet wird) eingeschlossen, und der stetige Teil entspricht
Zuständen, in denen das Atom ionisiert ist, wo also ein Elektron dem Potentialwall
entkommt Dies ist illustriert in Abb. 7.1.
Physikern von heute mag es so erscheinen, als sei der Übergang von Funktionen
zu Operatoren in der Quantentheorie ein selbstverständlicher Schritt gewesen.
In Wahrheit war die Einführung von Operatoren ein kühner Schritt, für den Männer
wie Werner Heisenberg, Max Born, Pascual Jordan, Erwin Schrödinger und Paul
Dirac unsere Bewunderung verdienen. Dadurch ändert sich unsere Naturbeschreibung
entscheidend, denn wir machen einen begrifflichen Unterschied zwischen einer
physikalischen Größe (dargestellt durch einen Operator) und ihren numerischen
Werten (den Eigenwerten des Operators). Dies ist ein so radikaler Wechsel der
Betrachtungsweise, daß man durchaus von der »Quantenrevolution« sprechen darf.
Abb. 7.1 Zweiteiliges Spektrum eines Atoms. Der Abstand zwischen den aufeinanderfolgenden
Energieniveaus des diskreten Spektrums geht gegen 0, wenn L wächst.
Um ein Beispiel für die mit den Operatoren eingeführten Neuerungen zu geben, betrachten wir die Vertauschungsbeziehungen zwischen Operatoren. Zwei Operatoren vertauschen (kommutieren), wenn es gleichgültig ist, in welcher Reihenfolge wir sie auf eine Funktion anwenden. Sie vertauschen dagegen nicht, wenn die Reihenfolge der Anwendung einen Einfluß auf das Ergebnis hat. So ist es für das Resultat bedeutsam, ob wir eine Funktion zuerst mit x multiplizieren und sie dann nach x differenzieren, oder ob wir sie zuerst differenzieren und dann mit x multiplizieren. Nichtvertauschende Operatoren haben unterschiedliche Eigenfunktionen (daß sie, wenn sie vertauschen, die gleichen Eigenfunktionen haben, läßt sich leicht nachprüfen).
Die berühmten Heisenbergschen Unschärferelationen folgen aus der Tatsache, daß
die in der Quantentheorie definierten »Orts«- und »Impuls«-Operatoren nicht
vertauschen. Der Ortsoperator
dessen Eigenwerte die Koordinaten
eines Quantenobjekts sind, entspricht in der »Koordinatendarstellung« einfach
, während der Impulsoperator
durch
definiert
ist. Diese Operatoren haben keine gemeinsamen Eigenfunktionen. Die Tatsache,
daß
und
nicht vertauschen, bedeutet, daß wir nicht
imstande sind, einen Zustand eines Quantenobjekts (durch irgendwelche Eigenfunktionen)
zu definieren, derart, daß Ort und Impuls zugleich wohldefinierte Werte annehmen.
Dies ist der Ursprung der berühmten Heisenbergschen Unschärferelationen. Sie
zwingen uns, den »naiven Realismus« der klassischen Physik aufzugeben. Wir können
den Impuls oder den Ort eines Teilchens messen, aber wir können nicht sagen,
daß ein Teilchen wohldefinierte Werte sowohl seines Impulses als auch seiner
Ortskoordinaten habe. Es waren neben anderen Heisenberg und Born, die vor über
60 Jahren zu dieser Schlußfolgerung gelangten. Doch die Diskussion über die
Bedeutung der Unschärferelationen geht weiter, und einige Wissenschaftler haben
noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, den traditionellen deterministischen
Realismus75 der klassischen Mechanik wiederherzustellen. Unsere Theorie unterstreicht dagegen,
wie wir im 9. und 10.Kapitel sehen werden, die statistischen Aspekte der klassischen
wie der Quantentheorie.