Der zentrale Operator in der Quantentheorie ist der Hamilton-Operator
,
dessen Eigenwerte den Energieniveaus entsprechen. Mit anderen Worten: Das zentrale
Problem der Quantenmechanik ist ein Eigenwertproblem; um die Energieniveans
zu erhalten, müssen wir die Eigenfunktionen
und die entsprechenden
Eigenwerte
in der Gleichung
bestimmen.
Die Bedeutung des Hamilton-Operators rührt daher, daß er, wie die klassische
Hamilton-Funktion, die zeitliche Entwicklung des Quantenobjekts bestimmt. Schreiben
wir nun die Schrödinger-Gleichung hin; sie lautet:
:
Sie setzt die zeitliche Ableitung der Wellenfunktion
mit der Wirkung
des Hamilton-Operators
auf
gleich. Diese Gleichung
ist nicht in der Quantenmechanik abgeleitet, sondern wird von vornherein vorausgesetzt.
Sie kann nur durch das Experiment erhärtet werden.
Das Quantenobjekt wird hier durch
bezeichnet, die sogenannte Wellenfunktion.
Die Analogie, von der Schrödinger sich bei der Formulierung seiner Gleichung
leiten ließ, war die zur klassischen Optik, so daß die Eigenwerte den charakteristischen
Frequenzen entsprechen, die mit Wellenphänomenen einhergehen. Im Gegensatz zu
den klassischen Hamilton-Gleichungen ist die Schrödinger-Gleichung eine Wellengleichung.
Sie ist eine partielle Differentialgleichung, da zusätzlich zur zeitlichen Ableitung
in
Aleitungen nach den Koordinaten auftreten (man erinnere sich,
daß der Impulsoperator in der Koordinatendarstellung eine Ableitung nach den
Koordinaten ist). Doch die klassischen (Hamiltonschen) und die Quantengleichungen
haben eines gemeinsam: Sie sind Gleichungen erster Ordnung in der Zeit. Wenn
zu einem beliebigen Zeitpunkt t
zusammen mit geeigneten
Randbedingungen (wie etwa
bei unendlicher Entfernung)
bekannt ist, können wir
für beliebige Zeiten in der Vergangenheit
wie in der Zukunft berechnen. Insofern stellen wir die deterministische Anschauung
der klassischen Mechanik wieder her, doch bezieht sie sich nun auf Wellenfunktionen,
nicht auf Trajektorien.
Außerdem ist die Schrödinger-Gleichung, genau wie die klassischen Bewegungsgleichungen,
zeitlich reversibel. Die Gleichung bleibt gültig, wenn wir t durch -t ersetzen.
Wir müssen lediglich
durch sein komplexkonjugiertes
ersetzen.
Wenn wir beobachten, daß
zur Zeit
(
größer
als
) von
in
übergeht, können wir
folglich auch einen Übergang von
in
beobachten.
Es ist interessant, Eddington zu zitieren, der in einem frühen Stadium der Quantenmechanik
bemerkte, daß Quantenwahrscheinlichkeiten »erhalten werden, indem man zwei symmetrische
Systeme von Wellen einführt, die sich in entgegengesetzten Zeitrichtungen fortpflanzen«76. Die Schrödinger-Gleichung ist, wie wir gesehen haben, tatsächlich eine Wellengleichung,
welche die zeitliche Entwicklung von Wahrscheinlichkeitsamplituden beschreibt.
Nehmen wir das komplexkonjugierte der Schrödinger-Gleichung. Das heißt, wir
ersetzen i durch -i und
durch
(wir nehmen an, daß
reell ist). Wenn wir außerdem t durch -t ersetzen, erhalten wir
wieder die Schrödinger-Gleichung. Wie Eddington sagte, kann
daher als eine Wellenfunktion aufgefaßt werden, die sich in die Vergangenheit
hinein fortpflanzt. Die eigentliche Wahrscheinlichkeit erhält man dann durch
das Produkt von
mit seinem komplexkonjugierten
(also
), und da
aufgefaßt werden kann als
, das sich in der Zeit rückwärts entwickelt, impliziert die Definition
der Wahrscheinlichkeit die »Begegnung« zweier Zeiten, einer aus der Vergangenheit
und der anderen aus der Zukunft. Wahrscheinlichkeiten sind in der Quantentheorie
folglich zeitsymmetrisch. Die Wahrscheinlichkeiten die wir mit unserer Methode
ableiten werden, werden dagegen durch eine gebrochene zeitliche Symmetrie gekennzeichnet
sein.
Befassen wir uns nun mit der Beziehung zwischen der Schrödinger-Gleichung und der Lösung des Eigenwertproblems, dem Heisenbergschen Programm77.
Die formale Lösung der Schrödinger-Gleichung ist
,
mit
;
ist der Entwicklungsoperator
in der Quantentheorie. Im 5.Kapitel haben wir bereits Entwicklungsoperatoren
für Wahrscheinlichkeitsverteilungen im Zusammenhang mit Karten eingeführt. Da
Entwicklungsoperatoren in unserer Methode eine wesentiche Rolle spielen (siehe
9. und 10.Kapitel), müssen wir auf die Methoden, mit denen diese Klasse von
Operatoren in der Quantenmechanik untersucht wird, etwas ausführlicher eingehen.
Wir kommen hier zu einem entscheidenden Punkt unseres Buches, dem Begriff des
Hilbert-Raums, den wir verallgemeinern müssen, um das Chaos in der klassischen
wie in der Quantenmechanik einzubeziehen. Im Geiste dieses Buches werden wir
einfach die wichtigsten Eigenschaften, die wir benötigen, aufzählen und einige
Definitionen geben. Weitere Einzelheiten findet der interessierte Leser in Lehrbüchern
zur Quantenmechanik und zur Funktionsanalysis.