Die klassische Physik setzt einen euklidischen Raum voraus. Dies bedeutet, daß
die Entfernung zwischen zwei Punkten 1 und 2 gegeben ist durch
.
Außerdem können wir Vektoren einführen und ein Skalarprodukt aus zwei Vektoren
u und v definieren. Angenommen, die Komponenten von
und
sind
und
. Das Skalarprodukt ist
. Eine andere Eigenschaft des Vektors
ist seine »Länge« oder »Norm«
, gegeben durch
.
Zwei Vektoren u und v sind orthogonal, wenn ihr Skalarprodukt verschwindet.
Außerdem ist ein Vektor »normalisiert«, wenn seine Norm 1 ist.
Der Hilbert-Raum ist eine Verallgemeinerung des euklidischen Vektorraums: Vektoren werden jetzt ersetzt durch Funktionen.
Betrachten wir Funktionen
... und nehmen wir an, sie hingen
nur von einer Variablen x ab. Die Funktionen können komplex sein, das heißt,
sie können zerlegt werden in einen Realteil und einen Imaginärteil. So ist
.
Wir können das »komplexkonjugierte« von
definieren:
.
Wir sind bereits dem komplexkonjugierten der Wellenfunktion
begegnet.
komplexkonjugierte Funktionen spielen eine wesentliche Rolle im Hilbert-Raum,
da sie in die Definition des Ska1arprodukts zweier Funktionen, sagen wir
und
, eingehen, das
ist. Statt der Summe
über die Koordinaten machen wir hier eine Integration über die Variable (intuitiv
entspricht das einem Vektorraum mit einer unendlichen Anzahl von Komponenten).
Desgleichen können wir die »Länge« einer Funktion, die sogenannte Norm, definieren
durch
. Wir nehmen an,
daß
nur dann, wenn
. Wir bemerken,
daß im Hilbert-Raum jede Funktion zweifach auftreten kann: links und rechts
innerhalb des Skalarprodukts. Deshalb führte Dirac (1938) eine elegante Schreibweise
ein. Jedes Element f des Hilbert-Raums kann entweder als ein »bra«-Vektor
oder als ein »ket«-Vektor
geschrieben werden. Das Skalarprodukt
ist
, das Produkt eines bra mit einem ket. Das Quadrat der
Norm von Funktion
ist dann
Der Hilbert-Raum besteht aus quadratisch-integrierbaren Funktionen, das heißt
aus Funktionen, deren »Länge« endlich ist. Dies impliziert Randbedingungen.
Die Funktion
ist beispielsweise quadratisch-integrierbar, wenn
die Integration sich von 0 bis 1 erstreckt (denn
,
sie ist es jedoch nicht, wenn die Integration sich von 0 bis
erstreckt (denn
).
In der orthodoxen Quantenmechanik wird der Hilbert-Raum als der grundlegende mathematische Rahmen anerkannt (es sind geringfügige Modifikationen nötig, um einem stetigen Spektrum Rechnung zu tragen, aber darauf brauchen wir hier nicht einzugehen). Um jedoch mit chaotischen Systemen fertig zu werden, wird es nötig sein, einen allgemeineren Raum einzuführen, das heißt, Funktionen zu verwenden, deren »Länge« nicht definiert ist. Diese Funktionen sind somit sehr singulär, ebenso wie die Fraktale, die wir im 4.Kapitel eingeführt haben. Sie »leben« nicht im HilbertRaum, welcher der geeignete Raum für saubere, stetige Funktionen ist. Doch bevor wir zu den neuen verallgemeinerten Räumen übergehen, müssen wir uns mit einigen der wichtigsten Eigenschaften des Hilbert-Raums vertraut machen.
Eine wichtige Rolle spielen Operatoren. Ein im Hilbert-Raum definierter Operator
wirkt auf ein Element dieses Raums und transformiert in ein anderes
Element des Hilbert-Raums (eine andere quadratisch-integrierbare Funktion).
Definieren wir nun einige Klassen von Operatoren, die im Hilbert-Raum eine wichtige
Rolle spielen.
Erstens entspricht jedem Operator
ein adjungierter Operator,
, definiert durch die Gleichung
der beiden Skalarprodukte, des einen, wo
auf
und des
anderen, wo
auf
wirkt. Ein Operator ist selbstadjungiert
(oder hermitesch), wenn
Das beruht darauf, daß die
Eigenwerte selbstadjungierter Operatoren im Hilbert-Raum reell sind.
Eine andere wichtige Klasse von Operatoren sind die isometrischen oder maßerhaltenden
Operatoren
, die die Norm erhalten:
Wenn der Operator
außerdem ein Inverses
zuläßt
, wird er
als unitär bezeichnet. Der in Abschnitt 3 eingeführte Entwicklungsoperator der
Quantenmechanik
ist unitär. Die zeitliche Entwicklung verändert
nicht die Norm (sie entspricht einer »Rotation« im Hilbert-Raum).
Im Entwicklungsoperator
spielen Zukunft und Vergangenheit
die gleiche Rolle, da
, unabhängig von den Vorzeichen von
und
. Man sagt,
daß der Entwicklungsoperator
einer dynamischen Gruppe entspricht.
Bei unserer Lösung des Zeitparadoxons im 10.Kapitel werden wir noch mit unitären Entwicklungsoperatoren zu tun bekommen. Sobald wir jedoch den Hilbert-Raum verlassen, spielen Zukunft und Vergangenheit im allgemeinen unterschiedliche Rollen. Die dynamischen Gruppen spalten sich dann auf in zwei »Halbgruppen «.
Wie man aus der elementaren Mathematik weiß, kann ein beliebiger Vektor, sagen
wir r, in seine Komponenten bezüglich der Menge der Basisvektoren von Einheitslänge
längs der Koordinatenachse x, y, z zerlegt werden (siehe
Abb. 7.2). Diese Basisvektoren sind orthonormal (ihre Skalarprodukte sind 0,
und ihre Länge ist 1).
Wir können eine Funktion
des Hilbert-Raums ebenfalls darstellen als
eine Überlagerung geeigneter Funktionen
Auch hier ist es besonders bequem, eine Menge von orthonormalen Funktionen zu
benutzen. Das heißt, daß
(=1 für i=j,
=0 für
). Diese Eigenschaften führen zur Ermittlung von
in der Entwicklung von
mit dem Skalarprodukt
Wir können daher schreiben:
Da dies für jedes
gültig sein muß, impliziert es
Dies bezeichnet man als Vollständigkeitsrelation.
Die Wirkung eines Operators im Hilbert-Raum kann mit Hilfe einer orthonormalen
Menge ausgedrückt werden. Lassen Sie uns definieren
Dies nennt man die Matrixdarstellung des Operators
(eine Matrix
hängt zusammen mit einem Objekt mit zwei Indizes). In dieser Schreibweise haben
wir
wie sich leicht nachprüfen
läßt, indem man die Relation mit
und
multipliziert
und die Orthonormalitätsbedingungen
berücksichtigt.
Kommen wir nun zum Eigenwertproblem. Das grundlegende Eigenwertproblem in der
Quantenmechanik hängt zusammen mit dem Hamilton-Operator
:
ist ein hermitescher Operator; und seine Eigenwerte sind reell
(das heißt, er ist gleich seiner Adjungierten,
). Man
nimmt an, daß die Eigenfunktionen
eine vollständige orthogonale
Menge bilden. Wir haben daher
. Der
Hamilton-Operator wird diagonal, wenn wir ihn nach seinen Eigenfunktionen entwickeln.
Deshalb bezeichnet man die Lösung des Eigenwertproblems auch als »Diagonalisierung«
des Hamilton-Operators. Ausgedrückt durch seine Eigenfunktionen, wird
dargestellt durch eine Matrix, bei der nur die Diagonalterme von 0 verschieden
sind:
. Diese Relation bezeichnet man als
die spektrale Darstellung von
. Die spektrale Darstellung von H
abzuleiten heißt, die Lösung des Eigenwertproblems zu erreichen. Die Konstruktion
dieser Darstellung ist daher das zentrale Problem der Quantenmechanik.
Abb. 7.2 Darstellung eines Vektors durch eine Menge von orthonormalen Vektoren.
Betrachten wir nun den in Abschnitt 3 eingeführten Entwicklungsoperator
. Es läßt sich nachprüfen, daß infolge der Tatsache, daß H hermitesch ist,
ein unitärer Operator ist (er erhält die Norm). Da er eine Funktion von H ist,
ist das Eigenwertproblem für
gelöst, sobald wir das von H gelöst
haben, genauer gesagt,
. Die Eigenwerte von
sind modulo 1, das heißt, daß
, multipliziert
mit seiner komplexkonjugierten
, gleich 1 ist. Daher hat
die spektrale Darstellung
.
Unter Verwendung der vollständigen Menge
können wir nun beliebige
Wellenfunktionen zur Zeit
(im Hilbert-Raum) nach den
entwickeln. Wie oben ist
. Die Wellenfunktion ist ein »Vektor« im Hilbert-Raum. Die Achsen sind die Eigenfunktionen
. Die Anwendung des Entwicklungsoperators
auf
führt daher zu
.
Die Wellenfunktion entspricht nicht einer wohldefinierten Energie. Dies wäre
nur der Fall, wenn alle Koeffizienten mit Ausnahme von einem, sagen wir:
, gleich 0 wären;
entspricht einer Überlagerung von möglichen Energien
die jeweils die Wahrscheinlichkeitsamplitude
haben. Das heißt in der physikalischen Interpretation der Quantentheorie, daß
die Wahrscheinlichkeit, einen der Energiezustände
anzutreffen,
gegeben ist durch
.
Die wichtige Konsequenz ist, daß die Wahrscheinlichkeiten
sich
nicht in der Zeit ändern. Sobald das Eigenwertproblem gelöst ist, erscheint
die Schrödinger-Entwicklung als eine im Grunde statische Entwicklung, in der
in Wirklichkeit nichts »geschieht«, da jede Eigenfunktion
sich
unabhängig von den anderen entwickelt. Jede Eigenfunktion des Hamilton-Operators
entspricht einem unabhängigen Mode, der durch ein wohidefiniertes Energieniveau
definiert ist.
Die Entwicklung der Wellenfunktion, ausgedrückt durch die Eigenfunktionen von
H, entspricht einfach einer Rotation im Hilbert-Raum (genau wie ein integrables
System wie der harmonische Oszillator einfach im klassischen Phasenraum »rotiert«,
siehe Abb. 7.3). Wenn wir das Quantensystem durch die Eigenfunktionen des Hamilton-Operators
darstellen, so ist das ein Analogon zu der Darstellung im Sinne der »freien
Bewegung« der klassischen integrablen Systeme durch zyklische Variablen.
Abb. 7.3 Darstellung eines Quantenzustands durch die Eigenfunktionen des Hamilton-Operators.
Im Gegensatz zum klassischen Phasenraum kann der Hilbert-Raum nicht Eigenfunktionen
enthalten, die sowohl Koordinaten als auch Impulsen entsprechen, da diese Größen
durch Operatoren dargestellt werden, die nicht vertauschen und keine gemeinsamen
Eigenfunktionen haben. Die Quantentheorie enthält die Hälfte der in der klassischen
Theorie verwendeten Variablen. Die Schrödinger-Gleichung kann beispielsweise
allein mit Hilfe von Koordinaten geschrieben werden, da der Impulsoperator geschrieben
werden kann als
. Dieser
bedeutende Unterschied läßt sich zurückführen auf die Rolle der Planck-Konstante
h. Die Planck-Konstante tritt auf in der Beziehung, die die Welleneigenschaften
eines Quantenobjekts - seine Wellenlänge
und seine Frequenz
- mit seinen Teilcheneigenschaften - seiner Energie
und seinem
Impuls
verknüpft. Diese Beziehungen sind
und
. Von besonderer Bedeutung für die Struktur der Quantentheorie ist die letztere
Beziehung, die eine Länge
mit einem Impuls
verknüpft,
also zwei Variablen, welche die klassische Dynamik als unabhängig betrachten
würde. Dies ist die Grundlage der Welleneigenschaften von Quantenobjekten. Die
Existenz von Welleneigenschaften führt zu einem kohärenteren, stärker geordneten
Verhalten als in der klassischen Mechanik. Aus diesem Grunde verlangt das Quantenchaos,
wie wir sehen werden, strengere Bedingungen als das klassische Chaos.
Dieser Überblick über den Hilbert-Raum läßt klar erkennen, warum wir zu einem
allgemeineren Raum übergehen müssen, wenn wir irreversible Prozesse in die Quantentheorie
einbeziehen wollen. Qualitativ können wir sagen, daß Irreversibilität - im Gegensatz
zu den zeitlich periodischen Eigenwerten von
-
komplexe Eigenwerte bedeutet, die gedämpften Entwicklungen entsprechen, welche
zum Gleichgewicht führen.
Um die Annäherung an das Gleichgewicht zu beschreiben, wäre es einfach, Dämpfungsterme direkt in die Definition des Hamilton-Operators einzuführen. Dies führt jedoch nicht zu einem konsistenten Ansatz. Wo kommen diese Dämpfungsterme her? Worin besteht das Kennzeichen »gedämpfter« Systeme aus der fundamentalen dynamischen Sicht? Wir verfolgen ein ehrgeizigeres Ziel. Wir werden zeigen, daß man ohne Ad-hoc-Änderungen des Hamilton-Operators die Brechung der zeitlichen Symmetrie für chaotische Systeme ableiten kann. Doch solange wir innerhalb des Hilbert-Raums bleiben, ist das natürlich unmöglich. Es kommt uns daher sehr entgegen, daß die Instabilität natürlicherweise zur Einführung von generalisierten (oder sogenannten »rigged«) Räumen führt.
Schon hier ein wichtiger Hinweis. In der orthodoxen Quantentheorie werden dynamische
Prozesse und der Hilbert-Raum unabhängig voneinander eingeführt. Gleichgültig,
um was für einen durch einen Hamilton-Operator H charakterisierten dynamischen
Prozeß es geht, man benutzt den gleichen Hilbert-Raum. Für chaotische Systeme
wird das nicht gelten. Hier werden die dynamischen Prozesse und der Raum, in
dem die Operatoren wirken, miteinander verknüpft. Wir erwähnten schon, daß der
Hilbert-Raum die Erweiterung des euklidischen Raums für Funktionen ist. Es besteht
daher eine gewisse Analogie zwischen den Schritten, durch die wir die Dynamik
mit dem Funktionsraum verknüpfen werden, und dem entscheidenden Schritt, der
zur allgemeinen Relativitätstheorie führt - der Einführung einer nichteuklidischen
Geometrie, die die Raum-Zeit-Struktur mit der Anwesenheit von Materie verknüpft.