Kommen wir zurück auf das zentrale Problem der Quantenmechanik, die Lösung des
Eigenwertproblems für den Hamilton-Operator. Es gibt, wie wir bereits sagten,
nur wenige Quantensysteme, für die das Eigenwertproblem exakt gelöst worden
ist. Im allgemeinen müssen wir einen störungstheoretischen Ansatz benutzen.
Wir gehen von einem Hamilton-Operator der Form
aus,
wo
einem Hamilton-Operator entspricht, für den wir das Eigenwertproblem
gelöst haben, und
eine »Störung« ist, die durch die Kopplungskonstante
mit
gekoppelt ist. Wir nehmen also an, daß wir
die Lösung des Eigenwertproblems
, kennen, und wir möchten das Eigenwertproblem
lösen.
Das übliche Verfahren (Schrödingers Störungstheorie) besteht darin, sowohl die
Eigenwerte als auch die Eigenfunktionen nach den Potenzen der Kopplungskonstante
zu entwickeln:
und
.
und
sind dann definitionsgemäß analytische Funktionen
von
(siehe unsere Diskussion des Poincaré-Theorems im 6.Kapitel,
Abschnitt 3).
Der störungstheoretische Ansatz führt zu einem rekursiven Verfahren mit Gleichungen
immer höherer Ordnung von
. Die Lösung dieser Gleichungen ergibt
Terme der Form
, die unbestimmt werden,
wenn der Nenner verschwindet. Damit erhalten wir wieder das Divergenzproblem,
um das es in Poincarés Theorem über »nichtintegrable Systeme« geht.
Es gibt jedoch einen wesentlichen Unterschied. In der Quantenmechanik wird die Unterscheidung, die wir bereits eingeführt haben, zwischen dem diskreten und dem stetigen Spektrum ausschlaggebend. Bei diskretem Spektrum ist es nämlich im allgemeinen möglich, das Divergenzproblem durch geeignete Wahl des ungestörten Hamilton-Operators zu vermeiden. Wir beheben, konkret gesprochen, die Entartung durch eine geeignete Transformation. Da endliche Quantensysteme ein diskretes Spektrum haben, können wir folgern, daß sie integrabel sind.
Die Situation ändert sich drastisch, wenn wir uns großen Quantensystemen zuwenden, darunter streuende Systeme und wechselwirkende Felder. Das Spektrum solcher Systeme ist stetig. Es gilt daher Poincarés Einteilung.
In bestimmten Fällen hat die Quantenphysik diese Schwierigkeit überwinden können.
Wir müssen dann die Entwicklung von
und
in Potenzen
der Kopplungskonstante aufgeben. Die Eigenwerte und Eigenfunktionen von H sind
keine analytischen Funktionen von
mehr. Dieser Ansatz ist jedoch
nur in außergewöhnlich einfachen Fällen erfolgreich gewesen. Ein Beispiel werden
wir in diesem Abschnitt behandeln. Im allgemeinen haben Poincarés Divergenzen
weitere Fortschritte verhindert. In der Literatur findet man Existenztheoreme,
die die Existenz einer Lösung des Eigenwertproblems78 beweisen, doch kennen wir keine konstruktive Methode, diese Lösung zu finden.
Wir werden etwas ausführlicher auf das Friedrichs-Modell eingehen, da es die
Grenzen der gegenwärtigen Quantentheorie deutlich aufzeigt.
Beim Friedrichs-Modell geht es um die Wechselwirkung zwischen einem Teilchen
und einem Feld. Im 6.Kapitel erwähnten wir dieses Problem im Rahmen der klassischen
Dynamik. Hier geht es um seine quantenmechanische Version. Das Friedrichs-Modell
bringt eine radikale Vereinfachung der physikalischen Situation. Das Teilchen
ist jetzt ein Modellatom mit nur zwei Zuständen: dem Grundzustand 0 und dem
angeregten Zustand 1. Außerdem berücksichtigen wir nur zwei Arten von Prozessen:
den Quantenübergang vom Zustand 1 zum Zustand 0 unter Emission eines Photons
und den umgekehrten, mit der Absorption eines Photons verbundenen Prozeß (Abb.
7.4).
Abb. 7.4 Emission (a) und Absorption (b) eines Photons, begleitet von einem
Ubergang von Niveau 1 nach 0 (Zerfall) und von Niveau 0 nach 1 (Anregung).
Beide Prozesse entsprechen »Resonanzen« - die dem Übergang zwischen dem Anregungszustand und dem Grundzustand entsprechende Energie wird auf ein Photon übertragen.
Natürlich gibt es kein Atom mit zwei Zuständen. Außerdem führt die Quantenmechanik andere Prozesse ein, sogenannte »virtuelle Prozesse«, bei denen die Energie nicht einmal näherungsweise erhalten bleibt. Ein solcher Prozeß wäre beispielsweise der Übergang vom Anregungszustand zum Grundzustand unter Absorption eines Photons79. Diese virtuellen Prozesse werden vom Friedrichs-Modell nicht berücksichtigt (Abb. 7.5).
Der dem Friedrichs-Modell entsprechende ungestörte Hamilton-Operator
enthält zwei Terme: Einer entspricht dem Atom, der andere dem Feld. In der »bra-ket«Schreibweise
(siehe Abschnitt 4) können wir schreiben:
. Hier ist
die Energiedifferenz zwischen den beiden Zuständen:
sind die den Feldmoden
zugehörigen Frequenzen. Ferner
sind
und
die Eigenfunktionen des ungestörten Hamilton-Operators.
Im Grenzfall eines großen Systems wird das Spektrum des Feldes stetig. Zu diesem
ungestörten Hamilton-Operator fügen wir jetzt die Wechselwirkung
zwischen dem Atom und dem Feld hinzu. Wiederum unter Verwendung der »braket«-Schreibweise
können wir die potentielle Energie schreiben als
:
Die potentielle Energie führt zu Übergängen zwischen den Zuständen
und den Feldmoden
.
Abb. 7.5 Virtuelle Prozesse (dargestellt durch die Wellenlinien).
Das Friedrichs-Modell kann benutzt werden, um die Bildung einer Spektrallinie
zu beschreiben. Gehen wir beispielsweise von dem ungestörten Zustand
aus. Zur Zeit t ist die Wellenfunktion durch
und
die Wahrscheinlichkeitsamplitude, den Mode k zu finden, durch
gegeben.
Nach den oben angeführten Regeln ist die Wahrscheinlichkeit selbst gegeben durch
. Diese Funktion kann für verschiedene
Zeitwerte als eine Funktion von k berechnet werden.
Für hinreichend lange Zeiten finden wir eine Absorptionslinie bei k, derart,
daß
(in der Literatur wird dies als »Lorentz-Form«
bezeichnet). Wir sehen, daß die Bildung einer Spektrallinie tatsächlich auf
einem Resonanzvorgang beruht (siehe Abb. 7.6).
Können wir darüber hinausgehen und die spektrale Darstellung des vollständigen
Hamilton-Operators
geben?
Zu diesem Zweck versuchen win ein Störungsschema anzuwenden. Wir stoßen dann
jedoch auf die Poincaréschen Divergenzen. Das Feld enthält nämlich eine stetige
Menge von Frequenzen
Dies führt zu resonanten Nennern
und damit zu Divergenzen. Wir weisen auf die fundamentale Rolle dieser Resonanzen
hin, sind sie doch für die Emission beziehungsweise Absorption von Licht (Photnen)
verantwortlich.
Abb. 7.6 Computerberechnung der Bildung einer Spektrallinie aufgrund des Friedrichs-Modells.
Die Übergangswahrscheinlichkeit ist dargestellt als Funktion von k für zunehmende
Zeit (Simulation durch Dr. W. Saphir).
Im speziellen Fall des Friedrichs-Modells kann die Divergenz behoben werden.
Der angeregte Zustand des Teilchens kann nämlich, wie Friedrichs gezeigt hat,
durch eine geeignete Transformation eliminiert werden80. So gelangen wir zu einer spektralen Darstellung für H, die Lediglich eine
Menge von stetigen Moden enthält,
, in der
wie zuvor die zu dem Kontinuum gehörigen Frequenzen
sind und die
Eigenfunktionen, die durch die ungestörten
Eigenfunktionen des Teilchens und des Feldes ausgedrückt werden können. Dies
ist die spektrale Darstellung des Friedrichs-Modells. Man beachte, daß Friedrichs'
Lösung durch einen störungstheoretischen Ansatz nicht zu erreichen und folglich
nicht analytisch in
ist. Wenn nämlich
geht, reduziert der Hamilton-Operator von Friedrichs den Beitrag der Feldmoden,
während, wie wir gesehen haben, der ungestörte Hamilton-Operator zusätzlich
einen Beitrag von dem Teilchen enthält. Die von Friedrichs erzielte spektrale
Darstellung ist somit instabil, da beliebig kleine Werte von
das Spektrum qualitativ verändern. Dies ist ein Beispiel einer »spektralen Katastrophe«.
Wie ist die Eliminierung des instabilen diskreten Zustands in Friedrichs' Lösung zu verstehen? Gewiß zerfällt das instabile Teilchen in Feldmoden, seine Energie wird also durch die Emission von Photonen auf das Feld übertragen. Wie können wir aber, wenn wir das Teilchen von vornherein als Bestandteil des Feldes betrachten, von Quantenübergängen sprechen, wie wir es beim Bohrschen Modell tun? Die Energie des Teilchens wird bereits zum Ausgangszeitpunkt auf das Feld übertragen. Das instabile »Teilchen« ist jetzt so etwas wie ein aus Überlagerungen stetiger Moden bestehendes Wellenpaket, das sich mehr und mehr auflöst.
Diese Folgerung überrascht nicht. Ereignisse sind, anders als im Bohrschen Modell, in der Standardversion der Quantenmechanik nicht vorgesehen. Das liegt daran, daß die Schrödinger-Gleichung eine stetige zeitliche Entwicklung der Wellenfunktion beschreibt. Heute können wir jedoch individuelle Quantensprünge beobachten. Wie sollen wir sie in unsere quantenphysikalische Beschreibung einbeziehen? Die übliche Antwort lautet, das geschehe durch unsere Messungen!
Es ist daher sehr interessant, daß unser Ansatz zu einer anderen spektralen Darstellung des Hamilton-Operators führt, die das Feld und das Teilchen einbezieht. Dieser Beschreibung müssen wir uns bedienen, wenn wir das grundlegende Konzept der »Quantensprünge« aufrechterhalten wollen. Diese alternative spektrale Darstellung liegt jedoch nicht mehr im Hilbert-Raum.
Wir kommen zu dem Schluß, daß wir selbst in den Ausnahmefällen, in denen sich Heisenbergs Programm (die Lösung des Eigenwertproblems) mit herkömmlichen Methoden durchführen läßt, auf theoretische Schwierigkeiten stoßen. Diese Schwierigkeiten hängen alle mit dem Zeitparadox zusammen.