Wie im 5. und 6.Kapitel führen wir den Phasenraum ein, dessen Koordinaten die
Orte
und Impulse
des Teilchens
sind. Wie zuvor wird jeder Zustand eines Systems durch einen Punkt dargestellt.
In der Gibbsschen Ensembletheorie kann ein System jedoch durch eine »Wolke«
von Punkten im Phasenraum dargestellt werden. Die »Wolke« wird beschrieben durch
eine stetige Verteilung im Phasenraum
.
In geeigneter Weise normiert (das Integral der Dichte über den ganzen Phasenraum
wird gleich 1 gesetzt), repräsentiert die Dichte
die Wahrscheinlichkeitsverteilung, zur Zeit t einen repräsentativen Punkt des
Systems in dem Volumenelement
des
Phasenraums anzutreffen.
Jeder Punkt im Phasenraum folgt im Zeirverlauf einer dynamischen Trajektorie.
Jeder Anfangsbedingung entspricht eine andere Trajektorie. Zwei anfangs verschiedene
Punkte werden daher für immer verschieden bleiben. Mit anderen Worten: Die dynamische
Entwicklung erhält die Anzahl der repräsentativen Punkte im Phasenraum. Diese
fundamentale Eigenschaft führt dann zum Liouville-Theorem, das wir bereits im
5.Kapitel, Abschnitt 3, vorgestellt haben. Diesem Theorem zufolge verhält sich
die Dichte
wie eine inkompressible Flüssigkeit: Das Volumen des
Gebiets, welches die repräsentativen Punkte eines Systems im Phasenraum einnehmen,
wird durch die Entwicklung unverändert erhalten. Das Theorem schließt jedoch,
wie schon erwähnt, nicht aus, daß die Gestalt des Gebiets sich verändert.
Unser Interesse an der Ensembletheorie liegt auf der Hand. Sobald wir die Wahrscheinlichkeitsverteilung
kennen, können wir den Mittelwert
einer beliebigen von
den kanonischen Variablen
abhängenden Eigenschaft
berechnen
zu
, wobei
das Volumenelement
des Phasenraums ist.
Wenden wir uns nun der zeitlichen Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsverteilung
zu. Sie wird bestimmt von der sogenannten Liouville-Gleichung, die aus der klassischen
Hamiltonschen Dynamik abgeleitet ist. Die Ableitung, die man in jedem Lehrbuch
zur statistischen Mechanik findet, soll hier nicht wiederholt werden. Wir schreiben
die Liouville-Gleichung unter Verwendung des Operatorformalismus, den wir im
vorigen Kapitel für die Quantenmechanik eingeführt haben. Er nimmt die Form
an. Die zeitliche Ableitung
von
wird bestimmt von der Wirkung des Liouville-Operators
auf
(man beachte die Analogie zur Schrödinger-Gleichung). Die explizite
Form des Liouville-Operators kann aus dem Hamilton-Operator abgeleitet werden,
ist aber hier nicht von Belang. Bemerkenswert ist jedoch, daß
ein hermitescher
Operator ist, wie es auch die Operatoren der Quantenmechanik sind.
Die Verwendung eines Operatorformalismus in der klassischen statistischen Mechanik erlaubt uns, die für Quantensysteme entwickelten Methoden auf klassische Systeme anzuwenden und Eigenfunktionen sowie Eigenwerte für den Liouville-Operator zu definieren. Eingeführt von Koopman89, ist er seither ausgiebig benutzt worden90.
Eine zentrale Rolle spielt, wie in der Quantenmechanik, der Hilbert-Raum. Wir
betrachten jetzt im Phasenraum
definierte Funktionen
.
Genau wie in der Quantenmechanik können wir wieder ein Skalarprodukt
und eine Norm
definieren. Der einzige Unterschied ist,
daß die hier betrachteten Funktionen sowohl von den Koordinaten als auch von
den Impulsen abhängen.
Wie in der Quantenmechanik können wir das Eigenwertproblem
betrachten.
Da
ein hermitescher Operator ist, sind die Eigenwerte reell. Außerdem
nehmen wir an, daß die Eigenfunktionen
eine vollständige
orthonormale Menge bilden. Unter Verwendung dieser Menge können wir die Verteilungsfunktion
nach den
entwickeln:
.
Die zeitliche Entwicklung ist gegeben durch
.
ist wie in der Quantenmechanik ein unitärer Operator. Dies
führt zu dem Ergebnis
.
Die Wahrscheinlichkeitsverteilung
ist somit zerlegt in eine
Summe von sich unabhängig entwickelnden Moden, die charakterisiert sind durch
ein Gewicht
, das im Zeitverlauf konstant bleibt. Da die Eigenwerte
reell sind, rotiert der jeweilige Eigenmodus im Phasenraum. Der einzige Unterschied
zur Quantenmechanik besteht darin, daß hier jeder Modus zur Wahrscheinlichkeit
und nicht, wie in der Quantenmechanik, zur Wahrscheinlichkeitsamplitude
beiträgt.
Wir erkennen hier die grundlegende Schwierigkeit jeder Theorie irreversibler
Prozesse. Die Rotation im Phasenraum erhält die zeitliche Symmetrie. Eine gebrochene
zeitliche Symmetrie bekäme man nur bei komplexen Eigenwerten
. Dann ist
, wobei der
zweite Faktor einen exponentiellen Zerfall ergibt. Dies ist jedoch unmöglich,
solange wir von einem hermiteschen Operator ausgehen und den Hilbert-Raum-Formalismus
verwenden.
Eine Möglichkeit, die viele Autoren ergreifen, besteht darin, zu erklären, die Liouville-Gleichung sei in der Tat zeitlich reversibel, die Irreversibilität sei das Resultat einer Grobstruktur; das heißt einer approximativen Beschreibung. Damit landen wir aber wieder beim Zeitparadox. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, das Zeitparadox zu lösen: von neuen Bewegungsgleichungen auszugehen, die die Irreversibilität einbeziehen, oder den Hilbert-Raum aufzugeben. Dank der chaotischen Systeme können wir die zweite Möglichkeit realisieren.
Man beachte, daß wir gleichfalls zur Einteilung Poincarés zurückkommen. Poincarés
Einteilung in integrable und nichtintegrable Systeme geht aus von Hamilton-Qperatoren
der Form
. Ein solcher Hamilton-Operator entspricht
dem Liouville-Operator
. Wiederum können wir, wie
in der Quantenmechanik, das Eigenwertproblem des Liouville-Operators nur für
eine begrenzte Klasse von dynamischen Systemen (nämlich die integrablen Systeme)
lösen. Wenn wir nämlich wiederum einen störungstheoretischen Ansatz verwenden
und
sowie
in Potenzen von
entwickeln:
und
stoßen wir auf »gefährliche« kleine Nenner von der Form
, die in Anwesenheit von Resonanzen
zu Divergenzen führen.
Bei integrablen Systemen sind die Lösung der Bewegungsgleichungen und die Lösung
der Liouville-Gleichung gleichwertige Probleme. Was geschieht jedoch bei nichtintegrablen
Systemen? Hier erkennen wir, wie wichtig der Begriff der irreduziblen statistischen
Beschreibung ist. Systeme, die in der klassischen Dynamik als nichtintegrabel
bezeichnet werden, sind es, wie wir im 9. und 10.Kapitel sehen werden, im Rahmen
der Ensembletheorie nicht mehr. Die neuen Lösungen der Liouville-Gleichung für
die Wahrscheinlichkeitsverteilung
können jedoch nicht wieder auf
ein individuelles System zurückübertragen werden. Im Fall chaotischer Systeme
bietet die Ensemblebetrachtung also neue Elemente, die für die Lösung des Zeitparadoxons
notwendig sind.