Als erstes Beispiel werden wir die zeitliche Entwicklung der Bernoulli-Abbildung
untersuchen. Die »Bewegungsgleichung« ist, wie wir gesehen haben,
.
Dies führt zur expliziten Form des Entwicklungsoperators
.
(Der Leser kann diesen Ausdruck leicht nachprüfen: Eine Trajektorie wird dargestellt
durch die
-Funktion
, die
Bernoulli-Abbildung transformiert sie für
in
und für
in
).
Wir stellen fest, daß, wenn
eine Konstante gleich
ist,
ebenfalls eine Konstante ist:
.
Diese gleichförmige Verteilung entspricht dem Gleichgewicht. Es wird erreicht
für
. Wenn beispielsweise
ist, dann ist
, und sukzessive
Iterationen führen, wie wir schon an einem Beispiel im 5.Kapitel gesehen haben,
zu einer Konstante99.
Nun können wir das mit ,
verbundene Eigenwertproblem betrachten.
Es läßt sich leicht nachprüfen, daß
. Somit ist
eine dem Eigenwert entsprechende Eigenfunktion.
Wir erkennen hier einen wesentlichen Unterschied zu den im 7. und 8.Kapitel
untersuchten Problemen. Dort war der mit dem Entwicklungsoperator verbundene
Eigenwert modulo 1 (das heißt von der Form
mit k reell). Hier
ist der Eigenwert
. Wir erhalten eine komplexe spektrale
Theorie (der Eigenwert entspricht
). Der Eigenwert ist außerdem
verknüpft mit dem Ljapunow-Exponenten, der genau gleich
ist. Die Anwendung von
auf die Verteilung
führt zur Dämpfung. Durch Iteration von
erhalten wir
, was für
gegen 0 geht.
Die Funktion
gehört zu einer ganzen Familie von Polynomen,
den sogenannten »Bernoulli-Polynomen«
, die Eigenfunktionen
von
mit Eigenwerten
sind, wobei n der
Grad der Polynome ist100. Wenn wir
als eine Überlagerung von Bernoulli-Polynomen
schreiben, verschwinden die Polynome des höheren Grades zuerst, da ihr Dämpfungsfaktor
größer ist. Das ist der Grund, warum die Verteilungsfunktion rasch einer Konstante
zustrebt.
Es scheint zunächst, als hätten wir das Eigenwertproblem für die Bernoulli-Abbildung
gelöst, aber das ist nicht der Fall. Um die Schwierigkeiten zu erkennen, wollen
wir den adjungierten Operator
betrachten, das Adjungierte
zu
(wir erinnern daran, daß der adjungierte Operator definiert
ist durch
). Unter Verwendung
des oben angegebenen Ausdrucks für
läßt sich leicht zeigen,
daß
für
und
, für
Überdies kann gezeigt werden, daß
ein isometrischer Operator
ist (siehe 7.Kapitel, Abschnitt 1). Er erhält das Skalarprodukt (der Unterschied
zum unitären Operator ist, daß er kein Inverses zuläßt; dies beruht auf der
Tatsache, daß die Bernoulli-Abbildung nicht umkehrbar ist). Ein isometrischer
Operator hat nur Eigenwerte modulo 1 im Hilbert-Raum, während
,
wie wir gesehen haben, Eigenwerte
haben kann. Es läßt
sich generell zeigen, daß
keine spektrale Darstellung im
Hilbert-Raum besitzt.
hat dagegen Eigenfunktionen und Eigenwerte
in generalisierten Räumen.
ist beispielsweise eine Eigenfunktion von
:
.
Wir haben daher eine Eigenfunktion von
die jedoch eine singuläre
Funktion ist. Nennen wir sie
: Sie hat den gleichen
Eigenwert wie das Bernoulli-Polynom
bezüglich
Es existiert eine ganze Menge von singulären Funktionen
,
die Eigenfunktionen von
sind und den gleichen Eigenwerten
wie
entsprechen. Der wesentliche
Punkt ist, daß wit, da diese Eigenfunktionen keine Norm haben, wie sie der Hilbert-Raum
verlangt, zu generalisierten Räumen übergehen müssen. Es ergeben sich weitere
Generalisierungen. Im 7.Kapitel, Abschnitt 4, haben wir orthonormale Mengen
von Eigenfunktionen eingeführt. Es ist eine geringfügige Verallgemeinerung,
eine biorthonormale Menge einzuführen. In unserem Problem haben wir die Menge
der Bernoulli-Polynome
und die Menge
,
die Eigenfunktionen von
mit dem gleichen Eigenwert
sind. Sie erfüllen die Orthogonalitätsbedingungen
ebenso wie die Bedingungen der Vollständigkeit
.
Die Funktionen
und
bilden eine biorthonormale Menge.
Wir können daher wie in der Quantenmechanik die Entwicklung der Wahrscheinlichkeit
nach dieser biorthogonalen Menge
durchführen.
Doch es gibt eine wesentliche Einschränkung: Da
singuläre Funktionen sind, muß
eine Prüffunktion
sein. Folglich kann
nicht eine einzelne Trajektorie
sein, die durch eine
-Funktion dargestellt wird, für welche das
Skalarprodukt
divergieren
würde.
Unsere spektrale Theorie ist daher nur gültig für Ensembles von Trajektorien. Sie ist unvereinbar mit der Beschreibung der zeitlichen Entwicklung durch einzelne Trajektorien. Dies ist ein fundamentales Ergebnis. Für chaotische Systeme - und die Bernoulli-Abbildung ist das einfachste Beispiel eines chaotischen Systems - ist die probabilistische Beschreibung irreduzibel. Dies steht in scharfem Gegensatz zu dem Gibbs-Einsteinschen Ansatz, den wir im 8.Kapitel beschrieben haben und der reduzibel ist, da er sich auf die Beschreibung individueller Trajektorien als einen Sonderfall reduziert.
Indem wir noch einmal auf Diracs »bra-ket«-Schreibweise zurückgreifen, können
wir jetzt die spektrale Zerlegung von
, und
geben.
Unter Verwendung der biorthonormalen Menge
,
haben wir
, wie sich durch Multiplizieren mit
und unter Verwendung
der Orthogonalitätsbedingungen nachprüfen läßt. Dies muß man vergleichen mit
der spektralen Darstellung in der Quantenmechanik, die im 7.Kapitel, Abschnitt
4, beschrieben wurde. Der Hauptunterschied ist, wie schon gesagt, daß in unseren
neuen spektralen Darstellungen dissipative Effekte auftreten, die mit der Ljapunow-Zeit
zusammenhängen, während wir es in der üblichen spektralen Darstellung mit zeitlich
periodischen Situationen (die Eigenwerte sind modulo 1) zu tun haben.
Wir sehen in unserer irreduziblen spektralen Darstellung einen Ausdruck des
fundamentalen »Naturgesetzes«, das die Bernoulli-Abbildung beschreibt. Sie beantwortet
nämlich die Fragen, die wir stellen können. Gesetzt, eine anfängliche Wahrscheinlichkeitsverteilung
sei gegeben. Wie wird sie sich entwickeln? Wie schnell werden wir das Gleichgewicht
erreichen? Unsere Theorie gibt auf diese Fragen eine analytische Antwort, die
völlig im Einklang mit Computerexperimenten ist. Die anfängliche Verteilungsfunktion
muß jedoch eine Prüffunktion sein101. Das bedeutet im wesentlichen, daß die Verteilungsfunktion
hinreichend
glatt sein muß. Aus diesem Grunde sind (durch
-Funktionen beschriebene)
individuelle Trajektorien ausgeschlossen. Einstein hat einmal in einer Diskussion
mit Heisenberg gesagt, daß die Theorie darüber entscheide, was »beobachtbar«
ist und was nicht. In diesem Fall entscheidet die Theorie, daß Trajektorien
keine Observablen sind, vollkommen unabhängig vom Problem der Berechnung.