Gehen wir von einem einfachen Problem aus, der Potentialstreuung106. Wir richten einen Teilchenstrahl auf ein Objekt. Während einer langen Zeit
vor dem Stoß bewegt sich dieser Strahl frei. Dies ist die »Vor-Streuungs-Phase«.
Stöße finden in endlicher Zeit statt. Nach dem Stoß bewegt sich der Strahl erneut
während langer Zeiten frei: Dies ist die »Nach-Streuungs-Phase«. Der einfallende
Strahl wird von einer Wellenfunktion mit einem Impuls k beschrieben (genauer
gesagt, handelt es sich um ein Wellenpaket mit einer Impulsverteilung um k).
Infolge der Streuung treten Wellenamplituden auf, die einem Impuls k' entsprechen.
Schon in diesem Fall treten Poincarésche Divergenzen auf, die auf Resonanzen
beruhen, wobei
die Energie
ist, die dem Impuls k entspricht. Hier vermag die herkömmliche Quantentheorie
das Problem zu lösen. Dafür wird eine geeignete zeitliche Anordnung der Ereignisse
eingeführt. Bei Streuversuchen haben wir eine einlaufende ebene Welle (den Teilchenstrahl
mit dem Impuls k), die in eine auslaufende Kugelwelle transformiert wird (siehe
Abb. 10.1). Aus der Sicht der Dynamik wäre ebensogut der umgekehrte Fall möglich:
Aus einer einlaufenden Kugelwelle wird durch Streuung eine auslaufende ebene
Welle (siehe Abb. 10.2). Dies entspräche einer »inversen Streuung«. In der Natur
beobachten wir nur direkte Streuungsvorgänge, doch die dynamischen Gleichungen
beschreiben zwei Situationen mit unterschiedlicher zeitlicher Anordnung.
Abb. 10.1 Direkte Slreuung: Die ebene Welle wird in eine Kugelwelle umgewandelt.
Der erste Schritt besteht in der Eliminierung der Poincaréschen Divergenzen,
die aus den verschwindenden Nennern
resultieren
(siehe 5.Kapitel). Hierbei spielen die Eigenschaften von GPS eine wesentliche
Rolle. Die Streuung entspricht bereits einem GPS, da das Target und der Strahl
in ein großes Volumen eingeschlossen sind (in der Streutheorie geht man an einem
bestimmten Punkt zum Grenzwert eines unendlichen Volumens über). Deshalb haben
wir ein stetiges Spektrum, und
ist eine stetige Funktion
von k. Wir können dann den Nenner
durch
Hinzufügen eines kleinen Imaginärteils
»regularisieren«.
Wir haben es dann mit
zu
tun, was in Verbindung mit der Integration (über k oder k') eine wohldefinierte
Bedeutung hat. Auf diese Weise können wir; je nachdem, ob wir
oder
wählen, außerdem zwischen direkter und inverser Streuung
unterscheiden. Der entscheidende Punkt ist, daß wir durch die Einführung der
komplexen Größen
je eine zeitliche Anordnung erhalten und
das Divergenzproblem eliminieren können.
Abb. 10.2 Inverse Streuung: Die Kugelwelle wird in eine ebene Welle umgewandelt.
Wir sehen, daß die Zeit hier auf zweierlei Weise hineinkommt: zum einen wie
üblich als Parameter in der Schrödinger-Gleichung, zum anderen durch die Einführung
einer zeitlichen Anordnung. Diese zeitliche Anordnung wird in unserem Ansatz
eine wesentliche Rolle spielen. Wir benötigen sie, um die Richtung der Zeit
mit dynamischen Prozessen verknüpfen zu können. Wir sind dieser Situation schon
im 5.Kapitel bei der Bäcker-Transformation begegnet. Dort hing der Fluß der
Zeit mit der sich dehnenden Koordinate zusammen. Hier hängt der Übergang »ebene
Welle
Kugelwelle« mit der Zukunft, der Übergang »Kugelwelle
ebene
Welle« mit der Vergangenheit zusammen.
Schon in dieser einfachen Situation haben wir ein bemerkenswertes Resultat. Die zeitlich symmetrische Schrödinger-Gleichung führt zu zwei Klassen von Lösungen, die der direkten beziehungsweise der inversen Streuung entsprechen. Die Lösung der Bewegungsgleichungen ist weniger symmetrisch als die Bewegungsgleichungen selbst. Die Irreversibilität, die sich darin äußert, daß wir in der Natur keine inverse Streuung antreffen, hängt mit der Brechung der zeitlichen Symmetrie und der Auswahl einer einzigen Klasse von Lösungen zusammen.
Im Fall der Streuung ist dies ganz offenkundig. Wir können die Symmetriebrechung
unterschiedlichen »Randbedingungen« zuschreiben, die zu den Bewegungsgleichungen
hinzutreten. So einfach verhält es sich jedoch nicht mehr bei nicht integrablen
Systemen wie den GPS. Hier sind, wie wir sehen werden, Bewegungsgleichungen
und »Randbedingungen« unauflöslich miteinander verflochten. Um ein Beispiel
anzuführen, wenden wir uns erneut dem Friedrichs-Modell zu.