Wir haben das Friedrichs-Modell bereits im 7.Kapitel, Abschnitt 5, diskutiert.
Es ist ein vereinfachtes Modell, das die Wechselwirkung zwischen einem Teilchen
und einem Feld beschreibt (siehe Abb. 7.4). Die potentielle Energie
enthält sowohl Photonenemissions- (der angeregte Zustand 1> geht unter Emission
eines Photons in den Grundzustand 0> über) als auch Photonenabsorptionsvorgänge.
Diese beiden Prozesse gehen außerdem symmetrisch in
ein. Bei
der Lösung des Eigenwertproblems müssen wir daher beide Prozesse berücksichtigen.
Friedrichs hat, wie wir gesehen haben, das Eigenwertproblem gelöst und die spektrale
Darstellung des Hamilton-Operators
allein
durch die Feldmoden erhalten. Das Atom verschwindet dabei ganz und gar. Wie
kann man dann von Quantenübergängen sprechen? Wenn wir andererseits am Teilchen
festhalten und Störungsverfahren anwenden, landen wir bei Poincaréschen Divergenzen.
Um diesem Dilemma zu entgehen, müssen wir eine zeitliche Anordnung einführen,
um zwischen Abregung und Anregungsvorgängen zu unterscheiden, sowie wir die
direkte von der inversen Streuung unterscheiden müssen. Trotz der Symmetrie
des Hamilton-Operators wissen wir aus der Erfahrung, daß das Atom langfristig
das Photon emittieren und sich im Grundzustand befinden wird. Diese Tatsache
müssen wir in den Störungsformalismus einbauen. Dort stoßen wir bei jedem Schritt
auf den resonanten Nenner
, und in
jedem Fall müssen wir unterscheiden, ob dieser Nenner mit Anregungs- oder mit
Abregungsvorgängen verbunden ist. Wir müssen, anders gesagt, bei jedem Schritt
entsprechende Randbedingungen einführen. Wir fügen zu diesem Zweck wie bei der
Streuung einen Imaginärteil
beziehungsweise
in den Nenner ein. Abregungs- oder Zerfallsprozesse sind »zukunftsorientiert«
(da sie die langfristige Folge der Wechselwirkung sind), während Anregungsprozesse
»vergangenheitsorientiert« sind. Wir ersetzen, genauer gesagt,
durch
für Übergänge, die der Abregung
des Atoms entsprechen, und durch
für
den Anregungsprozeß. Auf diese Weise können wir das Eigenwertproblem
lösen
und dabei jegliche Divergenzen vermeiden107. Das wichtigste Resultat besteht darin, daß wir einen komplexen Eigenwert
erhalten, wobei
die modifizierte Energie des
angeregten Niveaus und
die Lebensdauer des angeregten Zustands
ist. Für die Feldmoden
erhalten wir in der Friedrichs-Lösung
reelle Eigenwerte
.
Unsere zeitliche Anordnung vermeidet die Poincaréschen Divergenzen und führt
zu einer komplexen spektralen Theorie (genau wie bei den Abbildungen). Der Operator
H ist hermitesch. Wir wissen daher (siehe 7.Kapitel, Abschnitt 4), daß seine
Eigenwerte im Hilbert-Raum reell sind. Unser Resultat bezieht sich daher, wie
im 9.Kapitel, auf generalisierte Räume. Tatsächlich ist
eine singuläre Funktion (genaugenommen ist es eine
Funktion mit
einem komplexen Argument).
Die dem instabilen Teilchen entsprechende Wellenfunktion
ist durch eine gebrochene zeitliche Symmetrie charakterisiert: Unter Verwendung
der Schrödinger-Gleichung erhalten wir
, welches für
verschwindet (während es für
das heißt die Vergangenheit, divergieren würde).
Weil das ursprüngliche Friedrichs-Modell zeitlich symmetrisch ist (es enthält
sowohl die Zerfalls- als auch die Anregungsprozesse, die mit dem instabilen
Zustand zusammenhängen), erhalten wir zusätzlich zu den Wellenfunktionen
eine
weitere Menge von Wellenfunktionen
,
deren Eigenfunktionen den komplexkonjugierten Eigenwerten
entsprechen.
Da
ist, haben wir
. Dann entspricht
einem zerfallenden Zustand in der Zukunft,
während
einem Zustand entspricht, der für
verstärkt wird:
.
Die Eigenfunktionen
(
oder k) und
bilden eine vollständige biorthonormale
Menge, genau wie bei der im 9.Kapitel, Abschnitt 2, untersuchten Bernoulli-Transformation:
ist gleich 1 für
und gleich 0 für
.
Bezüglich dieser biorthonormalen Menge haben wir die spektrale Darstellung
.
Wir haben somit, wie im Fall der Bäcker-Transformation (9.Kapitel, Abschnitt 3), mehr als eine spektrale Darstellung: die von Friedrichs gegebene spektrale Darstellung im Hilbert-Raum (7.Kapitel) und die von uns abgeleitete komplexe spektrale Darstellung108.
Es ist interessant, diese beiden Lösungen miteinander zu vergleichen. Die wichtigsten
Unterschiede sind: 1. Unsere spektrale Darstellung hält an dem angeregten Zustand
fest, während in der traditionellen Friedrichs-Lösung nur die Moden der Felder
(bzw. Photonen) vorkommen; die komplexe spektrale Darstellung enthält daher
»Quantensprünge«, während in der Friedrichs-Darstellung die Teilchen von vornherein
als Bestandteil des Feldes erscheinen. 2. Wir erhalten den komplexen Eigenwert
, der die Lebensdauer des angeregten
Zustands berücksichtigt. Die komplexe spektrale Darstellung ist somit reicher,
da sie dissipative Prozesse einbezieht. 3. Unsere Lösung ist analytisch in der
Kopplungskonstanten
: Für
verwandelt
sie sich ohne weiteres in die Lösung des ungestörten Problems. Es gibt keine
spektrale »Katastrophe«.
Kommen wir noch einmal auf das Hauptergebnis unserer Methode zurück, die Brechung
der zeitlichen Symmetrie. Wir haben, wie gezeigt wurde, zwei orthonormale Mengen:
die
, die einem gedämpften angeregten Zustand
in der Zukunft entsprechen, und die
,
die einer Verstärkung in der Zukunft entsprechen. Die Lösung der Bewegungsgleichungen
ist weniger symmetrisch als der Hamilton-Operator. Dieser Situation sind wir
schon bei der Streuung begegnet (Abschnitt 1). Sie kommt häufig vor, in der
Physik des Gleichgewichts wie in der des Nichtgleichgewichts. In der Physik
des Gleichgewichts geht sie mit einer »spontanen Symmetriebrechung« einher.
Ein bekanntes Beispiel ist der Magnetismus: Ein rotationssymmetrischer Hamilton-Operator
kann einen isotropen ferromagnetischen Grundzustand haben oder bei niedriger
Temperatur zu einem anisotropen Kristall führen. In der Physik des Nichtgleichgewichts
können Verzweigungen ebenfalls zu Lösungen führen, die weniger symmetrisch sind
als die Gleichungen, von denen wir ausgehen (so kann die Symmetrie bezüglich
der räumlichen Inversion
gebrochen werden). Aus der Symmetrie
der Gleichungen folgt dann, daß die Lösungen mit gebrochener Symmetrie paarweise
auftreten. Diese Analogien haben jedoch ihre Grenzen, da die Brechung der zeitlichen
Symmetrie keinem physikalischen Ereignis entspricht (beim Magnetismus entspricht
sie allerdings einer Schwellentemperatur). Im übrigen tritt der gleiche Pfeil
der Zeit in allen dynamischen Systemen auf.
Da die Zustände
und
eine
gebrochene zeitliche Symmetrie aufweisen, ist es möglich, eine H-Funktion im
Sinne Boltzmanns (siehe 8.Kapitel) zu konstruieren, das heißt eine Funktion,
die monoton abnimmt, bis das instabile Teilchen verschwunden ist109. Diese H-Funktion ist jedoch etwas ganz anderes als die von Boltzmann beziehungsweise
Gibbs eingeführten H-Funktionen. Hier drückt die H-Funktion die Brechung der
zeitlichen Symmetrie auf der fundamentalen mikroskopischen Ebene aus.
Man darf den Zerfall des instabilen Teilchens indessen nicht mit einer Annäherung an das Gleichgewicht verwechseln. Das Atom »altert«, wenn es zerfällt, doch die Energie des Teilchens wird einfach auf das sich im Raum ausbreitende Feld übertragen. Um eine Annäherung an das Gleichgewicht zu erhalten, benötigen wir dauerhafte Wechselwirkungen. Ein Beispiel werden wir in Abschnitt 5 geben.
Es sei auch darauf hingewiesen, daß unsere Regel der »zeitlichen Anordnung«
in diesem einfachen Fall nicht die einzige Methode ist, um zu einer spektralen
Darstellung mit gebrochener zeitlicher Symmetrie zu gelangen. Es stehen andere
Methoden zur Verfügung, die vor allem auf G.Sudarshan110 zurückgehen und zu dem gleichen Ergebnis führen. Unsere Regel hat den Vorzug,
daß sie sich leicht auf kompliziertere Situationen übertragen läßt, wie wir
gleich sehen werden.