Wie wir gerade gesehen haben, können wir bei einfachen Situationen wie dem Friedrichs-Modell
die bei dynamischen Zuständen auftretenden Poincaréschen Divergenzen durch
eine geeignete zeitliche Anordnung eliminieren. Generell ist das jedoch nicht
auf diese Weise zu erreichen. Betrachten wir zum Beispiel die Streuung. Der
Hamilton-Operator H enthält wiederum zwei Terme, einen ersten Term
für freie Teilchen und als zweiten Term das Potential
, das
Übergängen zwischen verschiedenen Werten der Impulse entspricht.
Indem wir wieder auf die »bra-ket«-Schreibweise zurückgreifen, haben wir
;
ist hier die dem Impuls k entsprechende Energie und
.
Die potentielle Energie induziert Übergänge zwischen den verschiedenen Zuständen
. Die verschiedenen Zustände
spielen die gleiche Rolle, und
es gibt keine natürliche zeitliche Anordnung der Zustände, die im dynamischen
Prozeß eingehen. Doch wie wir im 8.Kapitel gesehen haben, gibt es eine natürliche
zeitliche Anordnung von Korrelationen.
Um Poincarésche Divergenzen zu eliminieren, müssen wir daher auf die Ensembletheorie
zurückgreifen. Es zeigt sich, daß die fundamentale dynamische Beschreibung von
GPS eine statistische Beschreibung mittels der Wahrscheinlichkeitsverteilung
(beziehungsweise der Dichtematrix in der Quantenmechanik) ist.
Wir haben im 8.Kapitel gesehen, daß
die Liouville-von-Neumann-Gleichung
erfüllt. Wir haben die formale
Analogie zwischen dem Liouville-von-Neumann-Formalismus und der Schrödinger-Gleichung
unterstrichen, wobei an die Stelle des Hamilton-Operators der Liouville-Operator
L tritt.
L ist, wie wir gesehen haben, hermitesch, und der Entwicklungsoperator
ist unitär. Im Hilbert-Raum sind die Eigenwerte von L reell. Es kann im Hilbert-Raum
keine dynamische Theorie der Irreversibilität geben. Um die Irreversibilität
einzubeziehen, müssen wir wie zuvor zu generalisierten Räumen übergehen. Da
unsere zeitliche Anordnung jetzt aber durch Korrelationen hergestellt wird,
die nur im Zusammenhang mit Ensembles einen Sinn haben, erwarten wir, eine irreduzible,
probabilistische Beschreibung zu erhalten, die unter diesem Aspekt derjenigen
ähnelt, die wir für Karten erhalten haben (siehe 9.Kapitel). Dies sind die Situationen,
die wir mit dem Begriff des Chaos verbinden.
Wir möchten den Unterschied zwischen reduziblen und irreduziblen probabilistischen Beschreibungen ein wenig präzisieren.
Betrachten wir den Fall der Quantenmechanik. Die Liouville-Gleichung ist, wie
wir gesehen haben, gegeben durch
,
wobei L der Liouville-von-Neumann-Operator ist. Wir möchten jetzt ein wenig
weiter gehen und benötigen dazu die explizite Form von
; sie lautet
. Der Liouville-Operator ist der »Kommutator« des
Hamilton-Operators mit
. Nehmen wir an, wir hätten das Eigenwertproblem
für H gelöst. Die spektrale Darstellung ist dann
, wobei
die Eigenfunktionen und
die
Eigenwerte sind. Die Definition von L führt daher zu der Schlußfolgerung, daß
die Eigenfunktionen von L Produkte
der Eigenfunktionen von H und die entsprechenden Eigenwerte Differenzen von
Energieniveaus
sind. Die Liouville-Darstellung
ist dann, da sie keine neuen Merkmale einführt, auf eine Beschreibung durch
Wellenfunktionen reduzierbar.
Wir können auch die spektrale Darstellung von L schreiben. Definieren wir
;
L ist dann
Man beachte, daß alle
verschwinden.
Dies führt zu der schon im 8.Kapitel erwähnten Tatsache, daß alle diagonalen
Elemente der Dichtematrix
im Zeitverlauf konstant bleiben. Es gibt
folglich für integrable Systeme keine Annäherung an das Gleichgewicht.
Wir möchten nun zeigen, wie die irreduziblen Louville-Darstellungen aus der zeitlichen Anordnung auf der Ebene der Korrelationen hervorgehen. Wir gehen ganz ähnlich vor wie in Abschnitt 3 beim Friedrichs-Modell.
Wie bereits angedeutet, ist der Louville-Operator für GPS von der Form
.
Wir möchten nun die Eigenfunktionen und die Eigenwerte von L haben, die analytisch
in L sind, die wir also in Potenzen von
entwickeln können.
Betrachten wir zunächst den ungestörten Liouville-Operator
. Wir
haben dann ein integrables System, und bei solchen Systemen entwickeln sich
die Korrelationszustände (das Korrelationenvakuum
, binäre Korrelationen
) unabhängig voneinander; da bei integrablen Systemen kein
Fluß der Korrelationen besteht. Die verschiedenen Korrelationszustände entsprechen
unabhängigen Eigenfunktionen und Eigenwerten. Das Eigenwertproblem für den ungestörten
Liouville-Operator
kann dann geschrieben werden als
,
wobei
den Korrelationszustand bezeichnet. Für einen gegebenen Korrelationszustand
existiert im allgemeinen mehr als eine Eigenfunktion, und wir würden daher den
Index
benötigen. Zur Vereinfachung der Schreibweise verzichten
wir jedoch auf dieses
und schreiben
. Die Eigenwerte
sind reell und entsprechen Energiedifferenzen.
Wie zuvor in diesem Abschnitt ist
ein Produkt von Wellenfunktionen.
Betrachten wir jedoch das Eigenwertproblem, das dem vollständigen Liouville-Operator
entspricht, und entwickeln wir die Eigenfunktionen
und die Eigenwerte in Potenzen von
, so stoßen wir auf Poincarésche
Divergenzen, die auf resonanten Nennern
beruhen, wobei v' und v" sich auf zwei verschiedene Korrelationszustände
beziehen, die durch
gekoppelt sind. Wie beim Friedrichs-Modell
greifen wir auf das komplexe Eigenwertproblem
zurück.
Um dieses Eigenwertproblem zu lösen, gehen wir über zur zeitlichen Anordnung
der einzelnen dynamischen Prozesse, nunmehr im Liouville-Raum. Wir fügen in
den Nenner einen kleinen komplexen Teil
ein. Wir nehmen
mit
,
wenn der Grad der Korrelation v' höher als (oder gleich) v" ist (das
bedeutet, daß Übergänge
von niedrigeren Korrelationen
v" zu höheren Korrelationen v' verlaufen), und
,
wenn er niedriger ist. Diese Wahl des Imaginärteils bedeutet, daß Übergänge
zu Korrelationen höheren Grades als »zukunftsorientiert«, Übergänge zu solchen
niedrigeren Grades als »vergangenheitsorientiert« betrachtet werden111. Im Unterschied zu Abschnitt 3 bezieht sich diese Regel nicht auf Energieniveaus,
sondern auf die Eigenwerte von
, die, wie wir gesehen haben, Energiedifferenzen
sind.
Wir erhalten wieder die gleiche Situation wie zuvor. Während das reelle Eigenwertproblem für L zu den Poincaréschen Divergenzen führt, kann das komplexe Eigenwertproblem gelöst werden. Auch hier zeigen die Poincaréschen Divergenzen an, daß man eine dissipative, statistische Beschreibung benötigt.
Die spektrale Darstellung, die wir erhalten, ist im allgemeinen irreduzibel.
Im Rahmen der Quantenmechanik bedeutet dies, daß die komplexen Eigenwerte des
Liouville-Operators,
, nicht als Differenzen
von Eigenwerten des Hamilton-Operators ausgedrückt werden können, wie es bei
einer reduziblen Darstellung möglich wäre.
Auch sind die Eigenfunktionen nicht länger Produkte von Wellenfunktionen. Dies bedeutet ein radikales Abgehen von der orthodoxen Quantentheorie. Wir erhalten Lösungen für die Liouville-von-Neumann Gleichung, die aus der Schrödinger-Gleichung nicht abgeleitet werden könnten. Wir dürfen daher von einer alternativen Quantentheorie sprechen.
Unsere Argumente sind auf die klassische Dynamik übertragbar. Auch hier erhalten wir Lösungen (Wahrscheinlichkeitsverteilungen), die aus Newtons Gleichungen oder aus irgendeiner Gleichung, die sich auf individuelle Trajektorien bezieht, nicht abgeleitet werden könnten.
Die mathematische Struktur; die wir erhalten, ist der des in Abschnitt 2 betrachteten
generalisierten Hilbert-Raums ganz ähnlich. Wieder haben wir zwei Mengen von
Eigenfunktionen: die Funktionen
, die Eigenwerten
entsprechen, die in der Zukunft gedämpft sind, und die Funktionen
, die Eigenwerten
entsprechen, die in
der Vergangenheit gedämpft sind. Wieder ist die Lösung weniger symmetrisch als
die Gleichungen, von denen wir ausgehen. Die Menge der Funktionen
und
bildet auch hier eine biorthonormale Menge. Wir
können daher die irreduzible spektrale Zerlegung von L hinschreiben:
. Für Wahrscheinlichkeitsverteilungen (die, da wir es mit generalisierten Räumen
zu tun haben, Prüffunktionen sein müssen) können wir schreiben:
mit
. Die zeitliche
Entwicklung von
ist ausgedrückt als eine Überlagerung von zerfallenden
Moden.
Die komplexe spektrale Darstellung, die wir abgeleitet haben, gestattet uns, Observable wie Lebensdauern und Streuquerschnitte in die Eigenwerte von L einzubeziehen. Ein Beispiel dafür im nächsten Abschnitt. Für GPS nimmt die Dynamik generell eine völlig neue Form an, und sie verleiht kinetischen Gleichungen (wie der Boltzmann-Gleichung oder der mit der Brownschen Bewegung zusammenhängenden Fokker-Planck-Gleichung) eine exakte mathematische Bedeutung.
Die vielleicht wichtigste Neuerung ist, daß die irreduzible Darstellung von
jetzt die Annäherung an das Gleichgewicht beschreibt. Asymptotisch
(für
) verschwinden alle Moden, ausgenommen diejenigen,
die 0 Eigenwerten entsprechen, ungeachtet der Ausgangsbedingung. Wir können
gleichfalls, wie in Abschnitt 2 für das Friedrichs-Modell, eine H-Funktion definieren,
die monoton abnimmt, bis das System das Gleichgewicht erreicht.
Wir haben in diesem Abschnitt einen »intuitiven« Ansatz benutzt, bei dem die
Ableitung der irreduziblen spektralen Darstellungen auf der zeitlichen Anordnung
des Flusses der Korrelationen beruht. Ein mathematisch strenges Verfahren ist
kürzlich entwickelt worden112. Es beruht auf der Beobachtung, daß der Fluß der Korrelationen in Systemen
mit dauerhaften Wechselwirkungen auftritt. Für solche Systeme besitzt die Dichte
Singularitäten (ein Beispiel werden wir in Abschnitt 5 sehen),
die uns, genau wie im Fall der Abbildungen, zwingen, die Hilbert-Raum-Beschreibung
zu verlassen, und zu einer irreduziblen komplexen spektralen Darstellung führen.
Wenden wir uns nun einem Beispiel zu.