Wenige Jahre vor seinem Tod wurde Einstein eine Aufsatzsammlung147 gewidmet, zu der auch der große Mathematiker Kurt Gödel etwas beisteuerte. Gödel hatte Einsteins Auffassung, die Irreversibilität der Zeit sei nur eine Illusion, ganz ernst genommen. Er legte Einstein ein kosmologisches Modell vor, in dem eine Reise in die eigene Vergangenheit möglich war. Er schätzte sogar die erforderliche Brennstoffmenge ab. Einstein war nicht begeistert. In seiner Erwiderung schrieb er, er könne nicht glauben, daß es möglich sei, »in seine eigene Vergangenheit zurückzutelegraphieren«. Diese Unmöglichkeit, so fügte er hinzu, solle die Physiker veranlassen, das Problem der Irreversibilität noch einmal zu überdenken. Mochte das Ewige auch noch so verlockend sein - wenn man eine Reise in die Vergangenheit für möglich hielt, leugnete man nach Einsteins Ansicht die Realität der Welt. Er konnte sich mit der radikalen Art und Weise, in der Gödel seine Ansichten unterstützte, nicht einverstanden erklären.
Eine ähnliche Reaktion finden wir in einem schönen Text des großen Schriftstellers Jorge Luis Borges. In »A New Refutation of Time« beschreibt Borges die Auffassungen, denen zufolge die Zeit eine Illusion ist, um abschließend zu erklären: » Und dennoch, und dennoch... Das Fließen der Zeit zu leuguen, das Selbst zu leugnen, das astronomische Universum zu leugnen, das sind offenkundige Verzweiflungstaten und heimliche Tröstungen [...] Die Zeit ist der Stoff, aus dem ich gemacht bin. Die Zeit ist ein Fluß, der mich fortreißt, doch ich bin der Fluß; sie ist der Tiger; der mich zerreißt, doch ich bin der Tiger; sie ist ein Feuer, das mich vernichtet, doch ich bin das Feuer. Leider ist die Welt real; leider bin ich Borges.«148 Zeit und Realität sind auf irreduzible Weise verknüpft. Es mag ein Trost sein oder als ein Triumph der menschlichen Vernunft erscheinen, die Zeit zu leugnen - in jedem Fall ist es eine Leugnung der Realität.
Die Zeit zu leugnen war sowohl für Einstein, den Wissenschaftler, als auch für Borges, den Dichter; eine Verlockung, denn es erfüllte ein tiefes existentielles Bedürfnis. Einstein hat wiederholt erklärt, er habe von Dostojewski mehr gelernt als von jedem Physiker. 1924 schrieb er in einem Brief an Max Born, daß er; sollte man ihn zwingen, die strenge Kausalität aufzugeben, »lieber ein Schuster oder gar Angestellter in einem Spielcasino als ein Physiker« wäre149. Die Physik hatte nur dann einen Wert, wenn sie sein Bedürfnis erfüllte, der Tragödie des menschlichen Daseins zu entgehen. »Und dennoch, und dennoch... « wich Einstein zurück, als Gödel ihm die äußerste Konsequenz seines Bestrebens vorhielt, die Leugnung eben jener Realität, die der Physiker zu verstehen sucht.
Einstein war, was das menschliche Leben betrifft, zutiefst pessimistisch. Seine Lebenszeit fällt mit einem besonders tragischen Abschnitt der menschlichen Geschichte zusammen, der Epoche des Faschismus, des Antisemitismus und der beiden Weltkriege. Seine Auffassung von der Physik als dem höchsten Triumph der menschlichen Vernunft über die Welt befriedigte das Bedürfnis, die reine, objektive Erkenntnis vom Bereich des Ungewissen und Subjektiven zu trennen. Dieses Bedürfnis könnte erklären, warum in der Geschichte der Physik fast immer das Sein dem Werden vorgezogen wurde. Der französische Philosoph Emile Meyerson sah in dem Bemühen, die Natur auf eine Identität zu reduzieren, sogar die eigentliche Triebfeder der abendländischen Wissenschaft150. Eine paradoxe Triebfeder, wie er betonte; vernichtet dieses Streben nach Identität doch gerade das, was es zu begreifen sucht. Was bleibt von unserer Beziehung zur Welt, wenn diese Welt auf eine geometrische Wahrheit reduziert ist? Ebendarin äußert sich das Zeitparadox, dem Einstein sich schließlich stellen mußte. In die Vergangenheit zurückreisen zu können erschien Gödel wohl als der Triumph der menschlichen Vernunft, als vollständige Kontrolle über unser Dasein. Darin zeigt sich zugleich der ganze Wahnwitz dieses Vernunftbegriffs, die Leugnung all der Zwänge, ohne die es keine Schöpfung gäbe, weil es keine Realität gäbe, an der unsere Hoffnungen und Pläne sich messen müssen.
Das ganz und gar Zufällige entbehrt jedoch gleichfalls der Realität. Wir können verstehen, daß Einstein den Zufall nicht als letzte Antwort auf unsere Fragen gelten lassen wollte. Was wir finden müssen, ist ein wahrlich schmaler Weg zwischen zwei Konzeptionen, die beide im Wahnwitz enden: der Konzeption einer Welt, die von Gesetzen regiert wird, welche keinen Raum lassen für die Entstehung von Neuem und für Kreativität, und der Konzeption, für die als Symbol ein würfelnder Gott steht, der Konzeption einer absurden, akausalen Welt, in der es nichts gibt, was wir verstehen könnten. Sie wäre der Inbegriff einer Entzauberung, die zu der stoischen Haltung eines Jacques Monod führen mag, der ein sinnloses Universum entdeckt, das taub ist für unsere Musik, ein Universum, aus dem wir durch Zufall hervorgegangen sind, für Shakespeares Macbeth Anlaß zu Zorn und Verzweiflung.
Die Suche nach diesem schmalen Weg, der unser Buch im Grunde gewidmet ist, macht die Rolle der menschlichen Kreativität in der Geschichte der Wissenschaft deutlich. In der Wissenschaft wird die wissenschaftliche Kreativität sonderbarerweise oft unterschätzt. Wären Shakespeare, Beethoven oder van Gogh kurz nach der Geburt gestorben, wäre das, was sie geschaffen haben, von keinem anderen geschaffen worden - das ist unbestritten. Gilt dies auch für Wissenschaftler? Hätte es keinen Newton gegeben, wären die klassischen Bewegungsgesetze dann nicht von jemand anderem entdeckt worden? Bedurfte es der Persönlichkeit eines Clausius, um den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu formulieren? In diesen Gegenfragen steckt ein Körnchen Wahrheit. Die Wissenschaft ist ein kollektives Unternehmen. Um anerkannt zu werden, muß die Lösung eines wissenschaftlichen Problems hohen Kriterien und Ansprüchen genügen. Diese Zwänge schalten die Kreativität jedoch nicht aus, sondern stacheln sie vielmehr an.
Die Formulierung des Zeitparadoxons ist selbst eine außergewöhnliche Leistung menschlicher Kreativität. Hätte eine eng an empirische Fakten gebundene Wissenschaft sich auch nur im Traum einfallen lassen, den Pfeil der Zeit zu leugnen, wo doch alle natürlichen Tatsachen seine Existenz bezeugen? Doch wissenschaftliche Kreativität ist nicht nur eine Sache des Träumens, und die Formulierung zeitlich symmetrischer Gesetze führte zu dem großartigen klassischen Gebäude, dessen Krönung die beiden großen Fortschritte der Physik des 20.Jahrhunderts bilden, die Quantenmechanik und die allgemeine Relativitätstheorie. Darin liegt die merkwürdige Schönheit der Physik. So konnte denn auch die Auflösung des Zeitparadoxons nicht nur eine Sache des Traums, der persönlichen Überzeugung oder eines bloßen Appells an den gesunden Menschenverstand sein. Es ging auch nicht nur darum, die Schwäche des klassischen Gebäudes ausfindig zu machen. Das leistete Poincaré mit seinem Theorem, mit der Entdeckung der dynamischen Instabilität, die den Begriff der Trajektorie zu Fall brachte151 . Wir mußten aus dieser Schwäche eine Stärke machen, aus dem Chaos ein neues Instrument für die Erforschung von Situationen machen, die sich bislang den physikalischen Gesetzen entzogen hatten. Dies ist die Essenz des »Dialogs mit der Natur«, als den wir das wissenschaftliche Streben nach Verständnis auffassen. Durch einen kreativen Dialog verwandeln wir das, was sich zunächst als ein Hindernis, als eine Schranke darstellt, in eine neue Betrachtungsweise, die der Beziehung zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten einen neuen Sinn gibt.
Was sich jetzt herausschält, ist eine »intermediäre« Beschreibung, die ihre Stellung zwischen den beiden befremdenden Bildern sucht, dem einer deterministischen Welt auf der einen und dem einer Welt purer Ereignisse auf der anderen Seite. Die Welt wird nicht von Gesetzen regiert, aber auch nicht vom bloßen Zufall. Die Gesetze der Physik führen jetzt zu einem neuartigen Verständnis, das sich in irreduziblen probabilistischen Darstellungen ausdrückt. Nunmehr mit der Instabilität auf der mikroskopischen oder der makroskopischen Ebene verknüpft, beschreiben sie die Möglichkeit von Ereignissen, reduzieren das aktuelle, individuelle Ereignis jedoch nicht auf eine ableitbare, vorhersagbare Konsequenz. Diese Abgrenzung zwischen dem, was sich vorhersagen und kontrollieren läßt und was nicht, hätte Einsteins Streben nach Verständlichkeit möglicherweise befriedigt.
Während wir an dem schmalen Weg bauen, der uns die dramatische Alternative zwischen blinden Gesetzen und beliebigen Ereignissen erspart, fällt uns auf, daß ein Großteil der uns umgebenden konkreten Welt bislang - um einen Ausdruck von Whitehead zu benutzen - »durch die Maschen des wissenschaftlichen Netzes geschlüpft« ist. Wir sehen jetzt neue Horizonte, neue Fragen, neue Gefahren. Wir erleben einen privilegierten Augenblick in der Geschichte der Wissenschaft, und wir hoffen, daß es uns gelungen ist, unseren Lesern diese Überzeugung zu vermitteln.