Der Schwarze Kasten

von Angela und Karlheinz Steinmüller

aus Windschiefe Geraden Verlag Das Neue Berliner 1985

Brons schnaufte leise. Er war erwacht, doch noch immer benommen. Warm lag die weiche Decke auf ihm. Zu warm - er strampelte sich frei. Helles Licht malte die Silhouette des Fensters auf den Vorhang.»Sonne«, sagte Brons,»Sonne scheint.« Er lächelte wohlig.

ACHTUNG! SIE SIND GEWECKT WORDEN! STECKEN SIE IHREN SHUNT AUF! ACHTUNG! SIE SIND GEWECKT WORDEN! STECKEN SIE IHREN...

Ununterbrochen wiederholte die Stimme ihren Befehl.

Brons drehte sich suchend um. Im Bett neben ihm lag seine Frau. Sie schlief. Brons versuchte, ihren Namen zu sagen, aber er war zu unruhig dazu. Die Stimme dröhnte fordernd in seinem Kopf. Er wälzte sich zur anderen Seite. Sein Blick traf einen kleinen anthrazitfarbenen Kasten, der auf dem Nachtschränkchen in einer Halterung klemmte. Eine überwältigende Kraft ging von ihm aus.

»Schwarzer Kasten«, sagte Brons und griff nach ihm. DieBewegungen gelangen mühelos, ja automatisch. Er sah die Bildchen auf dem Kasten: Pantoffeln, Zahnbürste, Messer und Gabel. Sie waren bunt und verlockend. Geübt zog Brons die Schutzkappe von der haarfreien Stelle, der Tonsur, und steckte das Kästchen auf seinen Kopf. Der Befehl verstummte.

Hellwach richtete Brons sich auf. Bis jetzt hatte er den Zeitplan eingehalten. Gina wecken! In die Pantoffeln steigen. Ins Bad! Auf dem Weg ein Griff an die Steuerleiste neben der Tür. Musik erklang, der Morgenstunde angemessen.

Das Programm TOILETTE lief an. Duschen, kalt, heiß, kalt, heiß, kalt in genau berechneten, dem Schläfrigkeitsgrad entsprechenden Intervallen. Heißluft. Pflege der Tonsur. Zähneputzen. Ausspülen des Rachens mit einem Bakteriostatikum. Deodorant. Ohren säubern. Pediküre. Rasieren. Gesichtsmassage. Pickelbeseitigung. Tagesschutzcreme. Maniküre. Fertig.

Brons lief programmgemäß zurück in das inzwischen frisch durchgelüftete Schlafzimmer. Das Programm ANZIEHEN startete. Brons ging zum Kleiderschrank und tastete die den Tagesaufgaben entsprechende Kleidungswahl in die Steuerleiste des Schrankes. Dieser öffnete sich und gab die gewünschten Stücke frei.

Überziehen, Überstreifen, Hineinfahren. Unterbekleidung, Oberbekleidung. Öffnen, Schließen. Häkchen, Ösen, Knöpfe, Schnallen, Reißverschlüsse, Klettverschlüsse, Knoten, Schleifen, Druckknöpfe, Gummizüge.

Während Brons´ Hände flink und sicher über die Verschlüsse tanzten, formte sich in seinem Gehirn schwerfällig und langsam eine Erinnerung.»Heute keinen Shunt aufstecken...« murmelte er vor sich hin. Hatte er nicht gestern den Wunsch verspürt, auf den Shunt zu verzichten? Ja, irgendwann einmal. Aber nicht heute. Alles war so mühsam ohne Shunt.

Inzwischen hatten seine Hände ihn mit mathematischer Präzision angezogen.

Brons ging in die Küche, absolvierte das Programm FRÜHSTÜCK BEREITEN, das mit dem entsprechenden Programm Ginas synchronisiert war. Dann setzten sie sich an den gedeckten Tisch, das Salz stand neben den Eiern, das Brot sprang hellbraun aus dem Toaster, es roch nach Kaffee. Und das Telejournal brachte lustige Bildchen.

Das Programm FRÜHSTÜCKEN lief an. Energieverbrauch, Gesundheitszustand, Spurenelementehaushalt, Hormonspiegel, Vitaminanforderungen, Steuerung der Verdauungsleistung... Drei Sekunden Rechenzeit für den Shunt. Brons arbeitete die Vorgaben mit gewohnter Genauigkeit ab. Der Eierbecher blieb halb voll.

»... Dasein komplexer geworden.« sagte der Mann im TV.»Die Urmenschen führten ein einfaches Leben. Waren sie hungrig, verließen sie ihre Höhlen und erjagten das nächstbeste Mammut.«

»Bildungsprogramm«, sagte Gina. Das stimmte, aber mit dem Morgen-Shunt konnten sie die dargebotene Information nicht adäquat verarbeiten. Das war auch nicht nötig. Brons lachte laut über die in komischen Fellen steckenden Menschen, die aus Löchern krochen, in der Gegend herumrannten, dann Stangen auf einen zotteligen Elefanten warfen. Und wie sie schmatzten. Es schmeckte Brons.

»Arbeitswissenschaftler haben herausgefunden, daß sich der Tagesablauf eines modernen Menschen aus 293, ja, fast 300 Programmen zusammensetzt. Sie nennen sie dynamische Stereotypen. Das Leben ist enorm kompliziert geworden, so kompliziert, daß der Mensch es allein nicht mehr effektiv meistern könnte. Zum Glück gibt es Maschinen, die uns helfen, und die Shunts, die uns die schwierigsten Situationen beherrschen lassen. Die alles Wissen vermitteln, das wir brauchen, um uns in unserer technischen Welt zurechtzufinden.«

Brons hörte nicht hin. Es war lustig zu sehen, wie das Männlein schnell und eckig durch die Wohnung rannte, dann in irgendwelchen Papieren herumstöberte, an Maschinen herumfummelte, alles schnell und eckig.»Arbeitet gut«, sagte Brons und war heilfroh, daß er, immer wenn es darauf ankam, sich auf einen Shunt verlassen konnte.

Mit Essen, Tischabräumen und Spülen erschöpfte sich die Programmroutine. Brons und Gina verfügten über sieben Minuten Reservezeit. Sie blieben stehen wie abgelaufene Uhren und schauten sich an.

»Weiter Fernsehen«, schlug Brons behäbig vor. Sie setzten sich wieder und starrten auf die grellbunte Scheibe.

»Ursprünglich dienten die Shunts dazu, dem Menschen ausgefallene geistige Leistungen abzunehmen, das Übersetzen von Fremdsprachen zum Beispiel. Die Shunts waren damals noch groß und schwer und nur über zwei, drei Elektroden an das Gehirn angeschlossen.«

Ein Mann im dunklen Anzug kam ins Bild und schnatterte schnell hintereinander die seltsamsten Laute. Wie aufgezogen. Gina kicherte und versuchte, die Laute nachzuahmen.

Plötzlich erkannte Brons, daß der Mann einen riesigen, schwarzen Shunt trug. Das erinnerte ihn an etwas. An etwas sehr Wichtiges, etwas Lebenswichtiges. Doch woran nur?

»Schwarzer Kasten«, rief Brons und zeigte aufgeregt auf die Scheibe.»Schwarzer Shunt«. Aber sein Shunt half seinem Gedächtnis nicht nach. Laut hallten die beiden Worte in Brons Kopf: schwarzer Shunt. Unvermittelt, als wäre ein Programm angelaufen, erinnerte er sich: Er hatte den Schwarzen Shunt gejagt, den Shunt, der sich in sein Opfer verkrallte... Brons erschauderte. Instinktiv tastete er nach seinem Hinterkopf. Der Shunt fühlte sich glatt und kühl und beruhigend an.

»... später benutzte man Shunts, um die Leistungen von Sportlern oder Künstlern aufeinander abzustimmen. Allmählich setzten die Shunts sich durch, die Vorurteile waren überwunden. Jeder, der sich irgendwie unvollkommen fühlte, ließ die harmonische Operation an sich vollziehen und steckte den Shunt auf, der ihn vollkommen machte.«

Rechts vor dem Geschäft wartete eine lange Reihe mürrischer, müder Menschen, sie drängelten und schimpften. Links traten sie dann munter aus der Tür, glücklich und - beshuntet.

»Schwarzer Kasten«, murmelte Brons verdrossen,»schwarzer Shunt.« Das Gefühl der Unruhe steigerte sich, je länger Brons´ Shunt kein Programm abarbeitete. Muß überlegen, dachte Brons, wollte heute keinen Shunt aufstecken. Warum? Überlegen, nachdenken...

Abrupt erlosch das Bild, die Reservezeit war um, »Schade«, sagte Gina. Und Brons´ undeutliche und beängstigende Erinnerungen setzten aus. SHUNT WECHSELN!

Brons erhob sich unwirsch und schlurfte in den Korridor. Mit der Personalkarte löste er die Sicherung seiner privaten Shunt-Bank. Er überflog ihren Inhalt und wählte zielsicher den Shunt mit dem grauen Auto: Weg zur Arbeit. Brons nahm wie stets den neuen Shunt in die rechte Hand, griff dann mit seiner linken zum Kopf, zog den alten aus dem Sockel. Die begonnene Handlung setzte sich mechanisch fort. Brons steckte den neuen Shunt auf. Das Programm WOHNUNG VERLASSEN lief an.

Überprüfen der Fenster, Check des Heimcomputers, Kontrollgang. Überbekleidung. Personalkarte um den Hals hängen. Türöffnungscode. Hinaustreten, Türschließcode. Verabschieden, Gina küssen, für Tageslänge, also zweimal. Gruß. Fertig.

Ihre Wege trennten sich direkt vor der Wohnungstür. Gina lief zu Lift 2/14C, Brons zu 2/17A. Der Shunt leitete ihn. Dazu waren Shunts da. Denn allein finden Menschen nicht immer den kürzesten Weg. Oder vergessen, wohin sie wollen.

Im Lift war Brons sekundenlang ohne Programm. Fremde Männer und Frauen drängten sich um ihn.

»Guten Morgen«, sagte Brons.»Guten Morgen«, echoten sie. Weder Shunts noch Menschen nutzten die Sekunden im Fahrstuhl aus. Auch Brons nicht, der sich daran erinnerte, daß er etwas überlegen wollte. Dann knackte es in seinen Ohren, und er mußte schlucken. Plötzlich sank Brons in die Knie, und das sanfte Sausen verstummte. Die Tür öffnete sich, und der Shunt übernahm wieder die Führung. In der Tiefgarage standen Hunderte von Wagen. Zielstrebig ging Brons auf seinen zu, öffnete ihn, indem er die Personalkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz schob.

Das Programm AUTOFAHRT setzte ein. Startpunkt, Zielpunkt. Verkehrsdichte auf den Straßen. Sperrungen. Umleitungen. Unfälle. Staus. Die grünen Wellen des morgendlichen Stoßverkehrs. Geschwindigkeit auf den Straßen, Wegpräferenzen. Einfluß der Witterungsbedingungen. In weniger als zwei Sekunden kalkulierte der Shunt die optimale Trasse.

Brons fuhr an, kurvte aus der Garage, bog in die Schnellstraße ein, die die Schlafstadt mit der City verband. Wo einst knallbunte Werbeflächen kilometerweit die Straßen säumten, flog nun die lückenhafte Reihe der angerosteten stählernen Gerüste an Brons vorbei. Nur an zwei, drei Stellen hingen noch bis zur Unkenntlichkeit vergilbte und verschlissene Plakate in ihnen. Weder Brons noch sonst ein Fahrer ließ sich ablenken.

Endlich bog Brons in den Hof des großen, grauen Gebäudes ein, fuhr den Wagen auf die zweite Parkterrasse und stellte ihn ab. Fertig.

Pünktlich auf die Minute fand Brons durch das Ganggewirr zur Shuntausgabe.»Guten Morgen, Herr Inspektor«, empfing ihn die Ausgabespezialistin.»Heute ist ihr letzter Tag in dieser Profession.«

Brons nickte, es war ihm gleichgültig. Er wechselte jede Woche den Beruf. Alle Menschen wechselten jede Woche den Beruf. So wurde das Gleichheitsprinzip auch in der Arbeitswelt durchgesetzt. Es funktionierte. Mit dem richtigen Shunt funktioniert alles.

»Warten Sie, ich helfe Ihnen«, sagte die Spezialistin geschäftsmäßig. Brons neigte ein wenig seinen Kopf, sie zog den Shunt heraus und steckte sofort den neuen auf den Sockel. Inspektor Brons dankte kurz.

Zwei Minuten später betrat er sein Zimmer und nahm hinter dem Schreibtisch Platz. Der Summer verkündete den Beginn der Arbeitszeit. Erst jetzt wurde der Inspektor-Shunt voll aktiv. Das Programm FALLREKAPITULATION startete.

Tatkategorie: Mord. Opfer: Mack, Inspektor der Shunt-Polizei. Tatort: Büro des Inspektors. Todesursache: Hirnschlag. Bericht des Pathologen (wörtlich:»Ein normaler Schlaganfall ist so gut wie ausgeschlossen. Der Befund deutet auf eine äußere Einwirkung hin.«) Verdächtige: Keine. Indizien: Keine. Zeugen: Macks Inspektor-Shunt, wiederholte Zeugenbefragung bislang ergebnislos.

Nun saß Inspektor Brons auf Macks Sessel, an Macks Schreibtisch und trug Macks Shunt. Wenn in diesem unauffällige Fakten gespeichert waren, die alles erklären würden, dann müßte man sie nur auffinden. Vier Tage suchte Brons sie schon vergeblich. Er war nicht der erste Inspektor, der danach suchte. Und alles sprach dafür, daß er auch nicht der letzte sein würde. Der Shunt war eben stärker als der Mensch. Es sei denn, der Mensch nahm einen Hammer. Aber das war verboten.

Das Programm POSTEINGANG schaltete sich ein. Zirkulare. Formulare. Anweisungen. Abrechnungen. Termine von Besprechungen. Angeforderte Akten. In echtem Papier, als Mikrofiche, als ROM-Speicherblock.

Brons´ Hände trugen den schmalen Stapel im Eingangskasten ab, verteilten ihn auf Ablagen, Schubkästen, den Papierkorb und die Ecken seines Schreibtisches. Währenddessen speicherte sein Shunt den Inhalt, korrigierte Dienstanweisungen, nahm Vorgänge wahr, ergänzte Akten, stellte Daten bereit für die Planung des Tagesarbeitsprogramms. Fertig.

Erst als Brons die tägliche Routine zu Arbeitsbeginn durchlaufen hatte, ließ er seinen Blick frei durchs Zimmer schweifen. Die Sonne schien auch hier durchs Fenster, das Regal war mustergültig aufgeräumt, alles strahlte die Ordnung aus, die allein eine erfolgreiche Detektivarbeit ermöglicht, alles - bis auf Brons´ Schreibtisch. Inmitten der akkuraren Aktenstapel und sauberen Mitteilungsscheine lag genau im Zentrum der milchigen Schreibunterlage ein häßlicher Notizzettel, an keiner Seite beschnitten. Inspektor Brons griff ihn mit spitzen Fingern.

Ein paar Kritzel waren da zu sehen, krumme Hieroglyphen, darunter ein unförmiges Strichmännchen mit einem riesigen, schwarz schraffierten Kasten im Genick. Shunts dieser Größe existieren nicht, schaltete sich das Berufswissen des Inspektorshunts ein. Kommentar: Der Zettel ist irrelevant. Er ist von einem unbeshunteten Menschen gezeichnet worden.

Brons griff zu Stift und Lineal, strich den Zettel mit einem sauberen diagonalen Kreuz durch und wollte ihn in den Papierkorb werfen. Plötzlich stutzte er, er kannte dieses Stück Papier, unbedingt, und - das war an ihn gerichtet, wollte ihm, Brons, etwas sagen, etwas, wovon viel, sehr viel abhing...

Brons versuchte sich zu erinnern, doch die ROMs des Inspektor-Shunts hatten nicht ein Bit über diesen Zettel gespeichert. Wie war das nur heute morgen, versuchte er zurückzudenken, da war doch etwas Großes, Wichtiges...

Endlich, nach langer Verzögerung, setzte das Dechiffrierprogramm ein. Zeichen werden Zeichen und Bedeutungen zugeordnet. Texte ergänzt. Die strukturelle Entropie, die Redundanz bestimmt. Zeichenhäufigkeiten für die kryptographische Charakteristik. Die geläufigsten Codes. Das Programm stoppte. Die Krakel blieben Krakel, unentzifferbar für den Shunt.

Inspektor Brons warf den Zettel unbefriedigt in den Papierkorb und griff eine längere Expertise über Trends in der Kriminalitätsentwicklung und die Möglichkeiten der Herstellung von absolut gesetzestreuen Shunts. Der Inspektor-Shunt speicherte die Informationen in Sekundenschnelle. Brons´ Gehirn hatte nichts mit der Expertise zu tun. Was gingen ihn die Trends an? Sie zu interpretieren, war Sache des Shunts. Und wieder nahm die Unruhe Besitz von Brons. Ein bekannter/unbekannter Zettel auf seinem Schreibtisch!

»Wer war das bloß?« fragte Brons so laut, daß er selbst erschrak. In der nicht mit dem Lesen der Post beschäftigten Zentraleinheit des Shunts lief das Programm DEDUKTION DES TÄTERS an.

Zutrittsmöglichkeiten zum Raum. Verwendete Materialien (Papier, Bleistift). Abschätzung der Liegezeit des Zettels. Induktive Schlüsse. Vermutliches Tatmotiv: unbekannt. Vermutliche Tatzeit: gestern, Arbeitsschluß. Vermutlicher Täter: Brons. Fertig.

Es dauerte eine Weile, bis Inspektor Brons begriff. Er fischte den Zettel aus dem Papierkorb, blickte sinnierend darauf. Langsam verschwomm das Bild vor seinen Augen. Rückte in weite, weite Ferne.»Erinnern«, befahl sich Brons,»muß mich erinnern.«

Aber kein Shunt half ihm. In seinem schwammigen Gehirn existierte kein Gestern und kein Tag davor. In seinem schwammigen Gehirn existierte fast nichts. Nichts bis auf diese Unruhe und das Gefühl, das Wichtigste vergessen zu haben.

»Muß was machen«, stöhnte Brons,»was macht man da?« Prompt kalkulierte der Shunt die erfolgversprechendste Untersuchungsstrategie. Die Krakelei mußte sich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des Shunts in Brons´ Gehirn vorbereitet haben. Nur ein Nachvollzug dieses Prozesses konnte seine Motive erhellen. Ein Wiederholen des gestrigen Tagesablaufes war daher die optimale Vorgehensweise.

Die Last wich von Brons. Er atmete auf. Nun wußte er, was zu tun war.

Brons erhob sich entschlossen. Der Shunt führte ihn zu seinem Dienstwagen und fuhr ihn zum Vergnügungspark. Ein breiter Streifen echter Bäume schloß diesen ein und isolierte ihn gegen den Lärm und die Abgase der nahen Straßen. Unter den Bäumen war es nicht so hell und angenehm frisch.

Brons sagte:»Schön hier.« Dann sagte er:»Bäume, viele grüne Bäume.« Das traf zu. Der Inspektor warf einen schnellen Blick auf die kleinen Zusatzshunts, die ein Junge von vielleicht zehn Jahren an seine Kameraden verteilte. Sie waren dem Augenschein nach in Ordnung: Räubershunts, Gendarmenshunts und einige Indianershunts. In einem Baum saßen Meisen und pfiffen abwechselnd das Lied des städtischen Fußballvereins, die Nationalhymne und»Little Boxes«. Ihre Shunts hatten kein größeres Repertoir.

Auf der Wiese lagerten Menschen. Einige aßen mitgebrachte Brötchen und verteilten die Reste an herbeigeeilte übergewichtige Spatzen und schwerfällige Eichhörnchen, andere spielten Federball. Die Spiele dauerten lange, denn keiner der Shunts beging einen Fehler. Genau in der Mitte der Wiese stand ein Mann auf übereinander geschichteten Kisten. Obwohl er wild mit den Händen fuchtelte, beachtete ihn niemand. Inspektor Brons maß ihn mit einem kritischen Blick und hörte seinen geifernd hervorgestoßenen Worten zu.

»Reiß dir den Shunt vom Nacken, Bruder, und zertritt ihn. Zerstöre ihn, vernichte ihn. Dein Shunt ist dein Unglück, er frißt deine Seele, saugt dir das Blut aus dem Gehirn! Brenne seinen Sockel aus, Bruder, daß der böse Geist, der Schwarze Shunt, nicht Macht über dich gewinne...«

Ein heller Funke des Schmerzes, schoß bei der Erwähnung des Schwarzen Shunts durch Brons´ Kopf. Er japste nach Luft und wich instinktiv von dem gefährlichen Propheten zurück.

»Siehst du die Vöglein unter dem weiten Himmelszelt, sie säen nicht und ernten doch. Was brauchst du den Shunt, Bruder, reiß ihn dir ab, auch ohne ihn...«

Brons erinnerte sich an den nunmehr verklungenen Schmerz, er kannte ihn, er verhieß nichts Gutes, Brons mußte fliehen, weg, weg...

Aber der Shunt startete des Programm ÜBERPRÜFEN DES VERDACHTS AUF EIN DELIKT. Typ der verdächtigten Handlung. Tatumstände. Die Propagandaparagraphen. Gesetz über die allgemeine Beshuntung. Arten der Zuwiderhandlung. Aufruf zur Gesetzesverletzung.

Eine besondere Überprüfung wurde notwendig. Inspektor Brons umkreiste vorsichtig und in weitem Bogen den wirren Propheten.

»... mach es wie ich, Bruder«, schrie der,»reiß dir den Shunt vom Nacken, Bruder, und zertritt ihn, zerstöre ihn, vernichte ihn...«

Durch die übermäßige Lockenpracht des Geifernden war deutlich ein Standard-Shunt zu erkennen. Damit stand der Sachverhalt fest. Der Mann bewies schlicht die herrschende Meinungsfreiheit.

Brons wandte sich enttäuscht ab. Hier erfuhr er nichts über den rätselhaften Zettel, kein Indiz ergab sich, kein Anhaltspunkt. Als Brons zurücklief, ordnete sich die Welt vor seinen Augen. Alles stimmte bis ins kleinste Detail, alles war ihm bekannt, die Menschen, die Tiere, der Wald, selbst der Prophet. Und auch der erlebte Schmerz fügte sich harmonisch in das Bild.

»War schon hier, war schon mal hier«, murmelte Brons.

Das Programm ÜBERPRÜFEN VON HYPOTHESEN lief an. Konsistenztest. Stützende Fakten. Widersprechende Fakten. Abschätzung der induktiven Wahrscheinlichkeit. Implikation. Ergebnis: Hypothese richtig. Laut Protokoll-RAM des Shunts hatte Inspektor Brons an jedem Tag der letzten Woche den Park aufgesucht. Fertig.

»Aber wieso?« fragte Brons seinen Shunt, dann begriff er. Er hatte jeden Tag genau den gleichen Weg zurückgelegt. Eine schnelle strategische Abschätzung ergab, daß er dann auch heute kein Ergebnis erzielen würde, daß er wahrscheinlich unbeshuntet am Abend wieder den gleichen geheimnisvollen Zettel kritzeln - und ihn nicht verstehen würde. Der Shunt errechnete, daß allein eine Abweichung von der Routine eine 57,2 prozentige Erfolgsaussicht versprach. Nur Shunte können das so genau errechnen.

Inspektor Brons kehrte an seinen Schreibtisch zurück.»Fehlschlag«, sagte er und faßte damit seinen Eindruck zusammen.»War ein Fehlschlag«. Kaum saß Brons, schrillte eine Klingel. Der Ton löste ohne den Umweg über sein Gehirn eine Reaktion des Shunts aus.

Das Programm PAUSENGYMNASTIK blockierte seine Gedanken. Lockerungsübung 20 Sekunden, auf der Stelle laufen 40 Sekunden, Armübungen, Kniebeugen, Kopfrollen, Rumpfbeugen, Kopfstand, je 10 Sekunden. Rumpfheben, Lockerungsübung... Fertig.

Da die Übungen auf Brons´ Leistungsvermögen abgestimmt waren, beruhigten sich Atem und Herzschlag schnell. Nur falsch justierte Shunts waren gefährlich. So hatte sich schon mancher beim Sport ruiniert.

Inspektor Brons schnaufte und ließ sich in den Sessel fallen. Der TV schaltete sich ein. Eine der täglichen Belehrungen.

»Oberste Priorität«, sagte der überschwenglich uniformierte Generalinspektor der Shuntpulizei,»oberste Priorität bei all unserer Arbeit besitzt die Jagd nach dem Schwarzen Shunt. Das ist der gefährlichste Shunt aller Zeiten. Der Supershunt. Er kann sich in jeder Hülle verbergen: als männlicher oder weiblicher Shunt, als Wagenführshunt oder Kochshunt, als grüner Shunt oder blauer. Deshalb ist höchste Wachsamkeit geboten. Der Schwarze Shunt ist kein gewöhnlicher krimineller Shunt, er wird eher unter der Maske eines völlig durchschnittlichen, alltäglichen Shunts auftreten. Was aber ist das Kriminelle am Schwarzen Shunt? Er arbeitet auf kein anderes Ziel hin, als sich alle Menschen zu unterwerfen. Der Schwarze Shunt besitzt die Grundeigenschaft aller Lebewesen: Er vermag sich zu vermehren. Jeder Schwarze Shunt ist darauf bedacht, die Menschen zu veranlassen, weitere Schwarze Shunts herzustellen.«

Inspektor Brons war in seinem Sessel zusammengesackt und wimmerte. Der Kopfschmerz, der ihn plötzlich befallen hatte, ließ nur langsam nach. Brons verspürte nicht die geringste Lust, den Schwarzen Shunt zu jagen, allein bei dem Gedanken daran wurde es ihm rot vor Augen. Unwillkürlich erinnerte er sich an ein Detail aus der Akte des ermordeten Inspektors Mack: Dieser hatte den Schwarzen Shunt gejagt! Alle Inspektoren jagten den Schwarzen Shunt. Auch Inspektor Brons. Brons´ Shunt kalkulierte sofort die Wahrscheinlichkeit, daß die Jagd auf den Schwarzen Shunt mit dem seltsamen Todesfall zusammenhing. Sie betrug 3,2*10-12. Also rund Null. Brons fragte nicht, wieso die Wahrscheinlichkeit so gering war. Brons fragte überhaupt nicht. Er stöhnte über die wieder anschwellenden Schmerzen, die sich von der Stirn zum Nacken hinzogen.

»Rund Null«, wiederholte Brons stöhnend die Zahl, die noch immer in seinem Kopf klang, denn von ihr ging eine beruhigende Wirkung aus, eine Wirkung, wie sie nur von Zahlen ausgehen konnte.

Der TV lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. Das Bild flackerte eine Sekunde. Die bereits hundert Male abgespielte Aufzeichnung wurde durch eine neue abgelöst.

»In Anbetracht der Kompliziertheit und des Umfanges unserer Aufgabe hat sich die Regierung entschlossen, die Shuntpolizei um weitere Zehntausend Mitarbeiter zu verstärken. Bedenken Sie: Wir alle haben eine Aufgabe von oberster Wichtigkeit: den Schwarzen Shunt zu jagen.«

Brons stöhnte erneut auf. Ehe das Bild erlosch, fiel ihm auf, daß der Generalinspektor einen viereckigen schwarzen Shunt am Kopfe trug. Die meisten Shunts waren viereckig und schwarz. Trotzdem bemerkte es Brons. Überall sah er schwarze Shunts. In seinem eigenen lief ein einfaches, exponentielles Extrapolationsprogramm. In 22 Jahren, 3 Monaten, 8 Tagen und 22½ Stunden würden alle Menschen, auch Greise und Kinder, Mitglied der Shuntpolizei sein. Der Schwarze Shunt hatte wirklich keine Chance.

Das Programm AKTEN ORDNEN lief an. Abstauben, Durchblätrem, Einfügen, Korrigieren, Ergänzen. Umheften, Umsortieren, Durchnumerieren. Kreuzbezüge. Orthographische Fehler, sachliche Fehler, logische Fehler, Verfahrensfehler, grammatikalische Fehler, stilistische Fehler, Ordnungsfehler, Papierfehler - alles wurde überprüft, alles stimmte. Zu und fertig.

Stunden waren so vergangen. Inspektor Brons´ Fingerspitzen sahen schwarz aus. Er wusch sich den Staub ab.

»Schlechte Luft hier«, sagte er und öffnete das Fenster. Die Sonne schien noch immer auf Menschen und Shunts.

»Will lieber rausgehen«, artikulierre Brons seinen Wunsch. Sein Shunt kam ihm zu Hilfe. Wie vereinbart, wählte er mit dem Zufallsgenerator eine neue, optimale Strategie aus.

Der Weg führte ihn in die Unterstadt. Dort geschahen die meisten Verbrechen. Wie hieß es doch: Wer Shunts verfälscht oder nachmacht oder sich verfälschte oder nachgemachte verschafft - den findet man in der Unterstadt.

Inspektor Brons verließ den Dienstwagen und bog in die erste Seitenstraße ein. Über den Geschäften fehlten die Schilder, oder sie waren beschädigt.

»Fernsehreparaturen«. Die Fernseher, die man hier bis zu der letzten Razzia repariert hatte, wurden auf den Kopf gesteckt. Und die Programme, die sie in sich trugen, konnten einen Mann für viele Tage ins Land der süßen roten Träume schicken. Aber darauf beanspruchte der Staat das Monopol.

»Bastlerbedarf«. Bastler! Hier konnte man für viel Geld und auf Empfehlung komplette Chips kaufen. Die wurden dann in Küche oder Keller aufprogrammiert - zum heimgemachten Mikroprozessor für den frisierten Privatshunt. Der einem vielleicht vorgaukelte, von Haus zu Haus fliegen zu können. Plautz und aus.

»Elektronische Fahrradgetriebe schonen Muskelkraft und Ketten«. Im Geschäft hinter diesem Schaufenster feilten sie die Stifte der Shunts ab und setzten neue an. Perverse des ganzen Landes trafen sich hier:»Können Sie mir nicht einen weiblichen Shunt beschaffen - mit männlichen Anschlüssen?«

Jetzt am Tage lagen die Straßen still da. Die Läden waren seit dem letzten oder vorletzten oder vorvorletzten Polizeieinsatz versiegelt. Manche Schlösser rosteten schon. Andere Türen hingen schief in den Angeln, die Fenster waren eingeschlagen: die Werkstatt ausgeraubt. Spuren davon auf der Straße, zertretene Chips, abgebrochene Stifte, zerbrochenes Werkzeug, Plastfetzen. In der Dunkelheit lebte die Unterwelt auf, und wehe, ein Fremder verirrte sich hierher. Selbst Polizeipatrouillen wagten sich dann nur in Rollkommandostärke vor.

Inspektor Brons lief langsam durch die Straßen. Der Shunt stimulierte sein Aufmerksamkeitszentrum. 150 mV, Sägezahnimpulse alle 10 Sekunden. Ihm entging nichts. Weder die Bewegung im Hintergrund eines der ausgeraubten Läden: eine Ratte; noch der feine Geruch: irgendwo wurde gelötet.

Das Programm VERBRECHER AUFSPÜREN schaltete sich ein. Brons´ Shunt schätzte die Windrichtung ab. Er verfolgte den zarten Geruch erhitzter Plaste und geschmolzenen Zinns. Leise Geräusche drangen an sein Ohr: das Rascheln von Papier im Wind, menschliche Schritte drei Straßen weiter, klappernde Fensterläden. Dann betäubte ein vorüberfliegender Jet sein Gehör für Minuten. Im Hintergrund brodelte der Verkehr in den belebteren Stadtteilen. Schwer beladene Schlepper zogen den Fluß hinauf. Abgefallener Putz formte geologische Strukturen an Häuserwänden. Feuchtigkeit war weit im Mauerwerk aufgestiegen.

Leise schritt Brons aus. Der Geruch verstärkte sich, außerdem erkannte er Zwiebel, Benzin, Fäkalien, Moder. Metall klickte auf Metall. Inspektor Brons war seinem Ziel nahe. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig und vor allem lautlos. Ein Durchgang. Entfernt schepperte es. Inspektor Brons stand in dem verdreckten Hausflur und orientierte sich. Folgte weiter dem Geruch, hörte dann wieder die Arbeitsgeräusche. Metall schlug auf Metall, Plast auf Metall. Die Tür im ersten Stock war nicht verschlossen. Aber Brons öffnete sie erst, als das nächste Flugzeug vorüberzog. Die abgewetzten Dielen im Flur knarrten hörbar. Der Protokoll-RAM in Brons´ Shunt, eine Weiterentwicklung der Fahrtenschreiber, schaltete auf Feinaufzeichnung um und notierte die Staubfussel in der Flurecke. Der Shunt schloß, daß es sich bei dem Menschen im Nachbarzimmer, vormals Küche, um einen Mann, etwa dreißig Jahre alt, handelte. Das Programm VERBRECHER AUFSPÜREN wurde durch das Programm FESTNAHME abgelöst. Der Mann hinter der Tür erhob sich, der Stuhl scharrte über den Boden. Inspektor Brons stieß die Tür weit auf. Der Mann drehte sich schlagartig um, schleuderte ein Messer auf Brons.

Das Programm ACTION ließ Brons zur Seite ausweichen (0,2 Sekunden), dann warf er sich nach vorn (0,3 Sekunden), Sprungphase (0,5 Sekunden). Beim Aufsetzen drehte er seinen Oberkörper, so daß der Stich mit dem Schraubenzieher ihn um 10 cm verfehlte. Er ergriff den vorschnellenden Arm (0,3 Sekunden), riß ihn nach hinten (0,2 Sekunden), dann langte er nach dem Shunt des Verdächtigen und zog ihn heraus (0,8 Sekunden). Der Widerstand des Verhafteten erlosch sofort, der Kampf hatte 2,3 Sekunden gedauert. Wie gewöhnlich hatte der bessere Shunt gewonnen.

Inspektor Brons sprach die Festnahmeformel aus und unterrichtete den Bastler, daß jedes seiner Worte und jede seiner Bewegungen aufgezeichnet würden und als Belastungsmaterial verwertet werden können.

»Mich... trifft... keine Schuld.« Mühsam holte der Festgenommene die Formel aus seinem Gedächtnis hervor. Er wischte sich die Hände am blauen Kittel ab.»Dieser verbrecherische Shunt ist verantwortlich. Hat mich verleitet. Ich konnte mich nicht dagegen wehren.«

So reden alle ertappten Verbrecher. Der Verhaftete setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke, kramte einen Bonbon aus der Hosentasche und steckte ihn sich in den Mund.

Inspektor Brons beachtete ihn nicht, auch auf Handschellen verzichtete man längst. Unbeshuntet hatte der Festgenommene keine Fluchtchance. Vielleicht war er ohne Shunt tatsächlich zu keiner kriminellen Handlung fähig.

Wer ist Schuld: Mensch oder Shunt? Über diese Frage stritten sich die Rechtsgelehrren und ihre Shunts bereits seit Jahrzehnten. Brons interessierte das nicht. Er hatte einmal gehört, daß die Shunts die menschliche Freiheit vergrößern, weil sie die Einsicht in die Notwendigkeit vertiefen. Aber das hatte er sofort wieder vergessen. Kann sein, daß sich darum die Philosophen-Shunts stritten. Neuerdings stellte man fest, ob ein Shunt kriminelle Neigungen hatte, indem man ihn einem gerichtlich geprüften gesetzestreuen Normalmenschen aufsteckte. Aber auch dieses Verfahren war umstritten.

Brons´ Shunt hingegen beschäftigten diese Fragen nicht. Er tastete mit Brons´ Augen den Arbeitstisch ab - sie schweiften von links nach rechts, setzten eine Zeile tiefer. Ein einfaches Scanning, dessen Ergebnis der Protokoll-RAM speicherte.

Auf dem Arbeitstisch stand eine kleine Programmeinrichtung mir veraltetem Display, auf ihm waren noch die letzten Zeilen eines Programmblocks zu lesen. Ein Lichtmikroskop stand daneben, ein Chip mit abgebrochenen Beinen lag auf dem Objektträger. Über eine Spezialeinrichtung, die mechanische Eingriffe in die Halbleiterlogik der Chips gestattete, verfügte der Bastler nicht. Neben den Werkzeugen lag ein fast fertiger Shunt, auf die Platten aus Ticky-Tocky-Plast waren einige Dutzend Chips montiert. Ohne ein Experte zu sein, unterschied Brons Shunt die Zentraleinheit, die breiten Bänder der Datenbusse, den Zeitgeber, die Stromversorgung, die langen Chips der Speicher, Lesespeicher (ROM), Arbeitsspeicher (RAM). Speicher, die zu Protokollzwecken dienten, fehlten. Offensichtlich ein gefälschter Shunt. Vielleicht ein nachgemachter? Oder sogar...!

Brons schaute auf den Shunt des Festgenommenen, den er noch immer in der linken Hand hielt. In das Kästchen des Shunts war, kaum erkennbar, ein Oval eingekratzt. War das ein Schwarzer Shunt? Hatte er ihn bei der Selbstreproduktion gestört? Sie im letzten Augenblick verhindert?

Die Kopfschmerzen meldeten sich wieder. Doch ein Bild wich nicht von Brons: er sah den Mann hinter dem Tisch sitzen, an der Programmiereinrichtung. Wie seine Hände die langen Hexadezimalzahlenkolonnen eingaben, direkt gesteuert vom Shunt, wie dieser seine eigene Bitstruktur, seine informationelle Architektur auf den entstehenden übertrug.

Das Bild verblaßte, denn das Programm SICHERSTELLEN DER SACHBEWEISE wurde aktiv. Brons streifte sich die Handschuhe über, holte Klarsichtbeutel hervor und steckte Werkzeug, Chips, die übrig gebliebenen Frühstücksbrote, alles, was lose herumlag, hinein. Versiegelte sie dann. Zuletzt verstaute er das Mikroskop und die Programmeinrichtung. Alles paßte in zwei große Plasttaschen. Fertig.

Brons wandte sich dienstbeflissen an den Verhafteten, der hob den Kopf und sah Brons finster an.»Stehen Sie auf und folgen Sie mir«, sagte Inspektor Brons. Gehorsam erhob sich der Angesprochene, er war größer und auch dicker als Brons.

Inspektor Brons drückte dem Verhafteten die beiden Plasttaschen in die Hand und ging voran. Sie kamen nicht weit. Schon auf der Treppe stolperte der Unbeshuntete und ließ die Taschen fallen. Brons konnte sie gerade noch auffangen und mußte sie nun selbst tragen. Menschen ohne Shunt stellten einen zu großen Unsicherheitsfaktor dar. Um jede Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit auszuschließen, verbot das Gesetz über die universelle Beshuntung, sich unbeshuntet in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Der Shunt führte Brons auf dem graphentheoretisch ermittelten und linear optimierten Weg zu seinem Dienstwagen zurück.

»Wissen Sie«, begann Brons´ Gefangener, als sie die Straße erreichten,»mein Shunt, das ist ein Shunt! Gegen den sind alle Inspektor-Shunts nur armselige Viertelleiter!«

»Nana«, brummte Brons. Er wunderte sich, wie ein Unbeshunteter so viele Worte hintereinander aussprechen konnte. Schon mit Shunt war das schwer.

»Einen klügeren Shunt gibt es nicht. Der löst alle Probleme. Der weiß auf jede Frage eine Antwort, der läßt einen alles so viel klarer sehen. Schade, schade, daß Sie ihn nicht ausprobieren dürfen.«

Brons stutzte. Ein seltsames Gefühl lenkte ihn ab. Er sah die Straßen, durch die er lief, wie mit anderen Augen. Die Häuser kamen ihm bekannt vor, dieses Schild»Elektronik«, die aufgequollene Abdichtungsmasse im Rinnstein. Diese Bremsspur war neu, ebenso wie die vom Regen zerweichte Zeitung in der Ecke und das eingeschlagene Fenster im ersten Stock. Als ob er schon viele Male durch diese Straßen gegangen wäre: elektro-neuronale Täuschung oder Aufflackern der Erinnerung? Vielleicht hatte ihn sein letzter Beruf - in der vergangenen Arbeitswoche - in dieses Viertel geführt? Unwahrscheinlich, tags arbeitete hier niemand, und die des Nachts üblichen Tätigkeiten konnte man wohl kaum als Arbeit bezeichnen.

Und die Gerüche - auch sie waren vertraut, dumpf und säuerlich, erhitztes Metall und angeschmorte Isoliermasse. Brons blieb mitten auf der Straße stehen, die Plasttaschen noch in den Händen. Sein Gefangener war verstummt. Er setzte sich auf die Bordsteinkante und scharrte mit den Schuhen im Dreck.

Inspektor Brons fragte seinen Shunt ab. Ein Shunt hat ein besseres Gedächtnis als ein Mensch. Es besteht aus winzig kleinen Festkörper-Domänen und nicht aus glibbrigen Zellen. Der Shunt teilte Brons mit, daß er schon durch diese Straßen gegangen sei: gestern und vorgestern und vorvorgestern und den Tag davor.

»Wollte doch anderen Weg«, kommentierte Brons ärgerlich.

Das Programm ERKLÄRUNG VON TATSACHEN lief an. Warum war die alte Strategie trotz Vereinbarung einer neuen weiterverfolgt worden? Ein zufälliges Zusammenfallen beider konnte ausgeschlossen werden. Wem nützte es, daß Brons den gleichen Weg immer wieder zurücklegte? Das Hilfsprogramm CUI BONO schaltete sich ein. Kreis der Tatverdächtigen: Shunt, Brons. Motivabschätzung...

Die laufenden Programme wurden durch ein Überprogramm, durch den Zeitgeber, unterbrochen. Der Arbeitstag näherte sich seinem Ende. Brons mußte an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Im Wagen versuchte er, das Erklärungsprogramm erneut zu starten, aber die Zentraleinheit war mit dem Verkehrsprogramm voll ausgelastet.»Nicht vergessen, noch einmal«, sagte Brons vor sich hin, um es nicht zu vergessen. Der Shunt hatte keinen Speicher dafür frei. Erst in solchen Situationen spürt man, wie schwierig es ist, sich etwas zu merken. Brons wurde ganz kribblig davon.

»Nicht vergessen, noch einmal«, sagte Brons, als er aus dem Dienstwagen stieg und den Festgenommenen der Wache übergab. Die Plasttaschen behielt er. Auf dem Weg zu seinem Büro, die Treppe hinauf, vorbei an den großen Fenstern, versuchte Brons ein weiteres Mal, das Programm zu starten. Als er um eine Korridorecke zu biegen versuchte, geriet er ins Stolpern, seine Beine verhedderten sich. Und in seinem Kopf purzelten juristische Daten durcheinander. Eine typische Programminterferenz hatte zu undefinierten Zuständen im Hauptspeicher geführt. Erst nach drei Sekunden versetzte die Rettungsroutine die Zentraleinheit in den Ausgangsstatus zurück. Brons wußte nicht, daß Programminterferenzen bei Inspektor-Shunts praktisch ausgeschlossen sind. Um kriminellen Shunts überlegen zu sein, können sie drei bis vier Programme parallel oder im Time-Sharing abarbeiten.

Im Büro ließ sich Brons in seinen Sessel fallen. Nichts konnte das Ablaufen des Programmes Erklärung von Tatsachen mehr stören. Aufruf der alten Daten aus dem RAM. Hilfsprogtamm CUI BONO. Abschätzung der Motive des Shunts. Abschätzung der Motive des Shunts. Abschätzung der Motive des Shunts...

Brons´ Kopf dröhnte. Sein Kopfschmerz verdichtete sich. Brons Lider flackerten synchron zum Zyklus des Shunts. Erst nach qualvollen 20 Sekunden setzte das Überprogramm SUPERVISOR der Selbstanwendung ein Ende. Brons´ Herz raste, er schwitzte, und vor seinen Augen verschwamm alles. Er sagte:»Uije!« Und noch einmal:»Uije!«

Die Tür öffnete sich, und der Chefinspektor trat ein. Mit einem breiten Lächeln begrüßte er Brons, der sich, der Dienstvorschrift gehorchend, erhob.

»Inspektor Brons! Glückwunsch im Namen des gesamten Kommissariats !«

Er schüttelte Brons die Hand.

»Sie haben in dieser Woche von allen Inspektoren am besten gearbeitet. Heute zum Beispiel einen Fahndungserfolg erzielt. Bekanntlich wird die Arbeitsleistung nicht allein durch den verwendeten Shunt bestimmt. Gerade Inspektor-Shunts sind auf die sogenannte menschliche Intuition, also unscharfe, aber umfassende Datenverarbeitung angewiesen. Sie waren eines der besten Hirne, das das Kommissariat je zur Verfügung hatte. Leider werden Sie ausgewechselt. Gesetz ist Gesetz. Niemand darf länger als eine Woche ununterbrochen in einem Beruf arbeiten. Das entspricht der verfassungsmäßig garantierten sozialen Egalität. Noch einmal: Gratulation, Kollege Brons.«

Inspektor Brons beugte sein Haupt so tief, wie es der Shunt aus der Dienstvorschrift herauslas. Als er wieder aufblickte, war sein Chef verschwunden. Die Worte klangen in Brons´ Kopf nach. Er hatte nicht geahnt, daß er einen so guten Kriminalisten abgab. Mit dem richtigen Shunt würde er also jedes Rätsel lösen. Auch das von... Wie war das doch gleich? Brons wußte nicht mehr welches. Er wußte nur noch, daß es sich um etwas sehr Wichtiges handelte.

»Mit nach Hause nehmen«, flüsterte Brons und meinte den so intelligenten Shunt des Bastlers. Sein eigener protestierte prompt. Das verstieße gegen Absatz 2.4.9b der Dienstordnung: sichere Verwahrung von Sachbeweisen. Die Dienstordnung ging Brons nichts an. Sie einzuhalten, war Sache des Shunts.

»Wie geht das?« fragte Brons. Der Inspektor-Shunt verweigerte jede Auskunft. Inspektor-Shunts dienten schließlich der Aufklärung von Verbrechen. Sie besaßen keine Programme, welche zu planen, das besorgten andere Shunts.

Brons sprang auf. Nervös tanzten seine Finger auf der Schreibunterlage. Noch zehn Minuten bis Dienstschluß, noch zehn Minuten. Brons lief die drei Schritte zum Fenster, schaute auf die acht Stockwerke tiefer gelegene Straße, die winzigen Menschen mit den punktförmigen Shunts. Er richtete sich wieder auf, ging zurück an den Schreibtisch. Sein Blick fiel auf die beiden Plasttaschen mit den sichergestellten Sachbeweisen im Regal.

»Ausprobieren«, sagte Brons entschlossen,»muß ihn ausprobieren. Peinlich genau räumte Brons die Akten vom Schreibtisch, stapelte sie auf der Ablage, das gehörte zum Programm SAUBERMACHEN. Dann schüttete er den Inhalt der beiden Taschen auf den Tisch. Ihm blieben noch fünf Minuten bis Dienstschluß.

Brons setzte sich, und das Programm BEWEISE SICHTEN lief an. Mit schnellen Handgriffen sortierte er das Häufchen der Sachbeweise in Tatwerkzeuge, Materialien, Geräte und Frühstücksbrote. Übrig blieben ein Shunt, unfertig und ohne Ticky-Tocky-Kasten, sowie der Shunt des Bastlers. Von außen betrachtet, sah er nicht kriminell aus. Von außen betrachtet, sahen alle Shunts harmlos aus. Meist wie kleine schwarze Kästen.

Die Wahrscheinlichkeit beträgt 0.58, daß dies der Schwarze Shunt ist, warnte ihn der Inspektor-Shunt - über einhalb, daß dies der Schwarze Shunt ist - fast schon Sicherheit, daß dies der Schwarze Shunt ist. Stechend setzte der Kopfschmerz ein.

Brons zögerte, der Schwarze Shunt war gefährlich, sehr gefährlich. Aber im Hauptquartier der Shuntpolizei konnte er keinen großen Schaden anrichten, mochte er sich festkrallen, wie er wollte. Im Gegenteil. Die allgemeine Wachsamkeit würde ihn sofort entlarven.

Fest umklammerte Brons den fremden Shunt, hob langsam den linken Arm. Man wußte nie, was in einem Shunt steckte, bevor man ihn aufprobiert hatte. Und meist wußte man es nachher nicht mehr. Der Kopfschmerz schwoll an.

Der Inspektor-Shunt protestierte! VORSICHT SCHWARZER SHUNT VORSICHT SCHWARZER SHUNT!

Brons traten die Tränen in die Augen. Sein linker Arm blieb in der Luft hängen. Der Schmerz verstärkte sich ins Unermeßliche. VORSICHT SCHWARZER SHUNT! Brons keuchte. Er wußte diesmal, weshalb er kämpfte, weshalb elektrische Blitze in seinem Kopf von Schläfe zu Schläfe zu rasen schienen. Nur noch eine letzte Anstrengung...

In diesem Moment erlosch die Beleuchtung im Büro: Dienstschluß. Ebenso unvermittelt brach Brons´ Widerstand zusammen. Schwer schlug sein Kopf auf die Schreibtischplatte.

Das Programm VERLASSEN DER DIENSTRÄUME startete. Brons stand auf. In der gewohnten Umgebung benötigte der Shunt kein Licht, um sich zurechtzufinden. Programmgemäß knipste er die bereits erloschene Beleuchtung aus und versiegelte mit einem Daumendruck die Tür hinter Brons. Zweimal links um die Ecke, dann zum Lift.

Während dieser abwärtssauste, spürte Brons einen harten, viereckigen Gegenstand in seiner rechten Hand. Nicht daran denken, sagte er sich, ja nicht daran denken, daß... Noch nie in seinem Leben war es ihm so schwergefallen, nicht zu denken... Und er nahm nichts anderes wahr als seine Hand und darin... Wie langsam fuhr der Lift an diesem Abend! Und stets bestand die Gefahr, daß der Inspektor-Shunt entdeckte, daß...

Brons perlte der Schweiß auf der Stirn. Kein Weg schien zurückzuführen in den menschlichen Normalzustand des Nichtdenkens. Und in seiner Hand... Endlich hielt der Lift. Shunts wundern sich nie, sie konstatieren höchstens. Der Inspektor-Shunt konstatierte, daß Brons in völlig unprogrammiertem und unangemessenem Tempo den Flur entlanghetzte. Und daß in seinem Kopf ein heilloses Chaos herrschte. Er schloß, daß Brons die Verspätung aufholen wollte, um den Anschluß an den normalen Zeitplan zu gewinnen. Eine Tür mit der Aufschrift»Shuntausgabe«. Brons öffnete sie und wurde vom Licht geblendet.

»Kommen Sie, Inspektor Brons, Sie sind der letzte heute.«

Schnell trat Brons auf das Mädchen hinter dem Schalter zu. Ihren Shunt zierten modische Kupferspiralen.

»Bitte geben Sie mir den Shunt, hier ist Ihr eigener.«

Es verwirrte sie nicht, daß Brons neben dem Inspektor-Shunt auf dem Kopf einen zweiten in der Hand hielt. Sie war darauf programmiert, den Dienstshunt vom Kopf des Kollegen gegen dessen privaten auszutauschen. Ein letztes Stechen im Kopf, und Brons war wieder der alte. Denn er trug nun den gewohnten Weg-zur-Arbeit-Shunt. Nur die Erregung und ein Kästchen in der rechten Hand erinnerten an das Durchlebte.

Als Brons seine Wohnung erreichte, hatte er noch drei Minuten Verspätung. Für den Begrüßungskuß blieb keine Zeit. Gina saß bereits am Eßtisch, sie sagte nur kurz»Guten Abend«, und schaute sofort wieder auf den TV. Brons steckte den Abendbrotshunt auf und setzte sich neben sie. Der Shunt maß einen besonders hohen Energieverbrauch und teilte Brons ein außergewöhnlich umfangreiches Mahl zu.

»Schmeckt gut«, sagte er, als er in den Pflaumenkuchen biß, der das Essen abschloß. Und:»Bin aber satt«, nachdem er den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte. Dann starrte er einige Minuten verständnislos auf die Mattscheibe. Der Abendbrotshunt berücksichtigte nur das leibliche Wohl.

»Brauche anderen Shunt«, meinte Brons und stand auf. Auf dem Rand der Shuntbank lag ein seltsamer, fremder Shunt, der durch ein kaum erkennbares Oval gekennzeichnet war. Dunkel erinnerte sich Brons, daß von diesem Shunt eine große Gefahr ausging und daß er sich ihn aber trotzdem unbedingt aufstecken wollte. Zweimal streckte Brons seine Hand aus und zog sie wieder zurück. Dann stak der fremde Shunt im Sockel. Er war seltsam, der Shunt. Startete kein Programm, um die ihm unbekannte Umgebung zu erkunden und verbreitete statt dessen eine ungewohnte Leichtigkeit.

Brons schüttelte den Kopf und lief zurück zum TV. Als er Gina sah, sagte er:»Hallo, schwarzer Shunt.«

Er ließ sich in den Sessel fallen und schloß die Augen. Brons versuchte, den Shunt und sich zum Denken zu zwingen. Und der Shunt reagierte verblüffend. Anstelle der Abarbeitung einer hierarchisch verschachtelten Programmfolge gelangte er sofort zum Kern des Problems. Erinnerungen stiegen schubweise in Brons auf: der Prophet im Park und der gestellte Verbrecher, der ihm den Shunt empfahl. Die vergebliche Jagd nach dem Schwarzen Shunt. Und sein Vorgänger, Inspektor Mack. Jetzt würde der Inspektor-Shunt das Programm WER IST DER TÄTER starten, alle Hilfsprogramme durchlaufen und sich irgendwann in einer Schleife verfangen. Die Arbeitsweise des Verbrechershunts war für Brons nicht ersichtlich. Worüber wollte er eigentlich nachdenken? Ach ja, über die Ursache für Macks Hirnschlag... Schlag ins Gehirn... Wie ein völlig Unbeshunteter schlug sich Brons vor die Stirn. Das war der Inspektor-Shunt! Kein Wunder, daß der den Täter niemals aufspürte! Defekt mußte dieser Inspektor-Shunt sein, so defekt, daß er auf die Erwähnung des Schwarzen Shunts mit Schmerzimpulsen reagierte. Und das hatte Inspektor Mack nicht ausgehalten. Fertig.

Aber wie war das mit dem Schwarzen Shunt? Also: er krallt sich am Kopf seines Opfers fest mit winzigen, scharfen Klauen - kein Shunt hatte Klauen. Logisch. Aber jeder Shunt hatte Klauen, unsichtbare, dafür desto festere. Folglich...

Beim Geräusch sich nähernder Schritte schrak Brons hoch. Eine Sekunde war der Sockel in seiner Tonsur leer. Polternd fiel der Shunt zu Boden und zerbrach. Dann hatte ihm Gina den mit dem rosa Phallus aufgesteckt. Casanova Brons war der perfekte Liebhaber, alle Tricks beherrschte er, 97 Programme für 25 Stellungen, keine Lust wurde ausgelassen. Gina war vollauf befriedigt.

Auf dem Boden lag geborsten der O-Shunt - ein leeres Gehäuse.




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